War er zu tief im Nachgrübeln versunken gewesen, oder hatte sich bereits jene nervöse Reizbarkeit seiner bemächtigt, die vor jeder lauten Menschenstimme erschrickt! Er fuhr wild empor, als habe ihn ein Schuß getroffen.

»Was willst du damit sagen?« rief er heiser zurück. »Wie? Siehst du Gespenster am hellen Tage, Käthe?« setzte er gleich darauf hinzu; er brach in ein schallendes Gelächter aus, das etwas tief Beschämendes für die jugendliche Warnerin hatte, und verschwand mit einem spöttisch grüßenden Handwinken und sehr stramm gewordener Haltung im nächsten Laubgange.

Kaum eine halbe Stunde später ging Käthe am Flusse hin. Die Geschäfte waren erledigt, und so viel Zeit blieb ihr noch, verstohlen das alte liebe Doktorhaus wiederzusehen. Wie schlug ihr das Herz, als sie durch das bewegliche Laub der Uferbirken die in der Sonne glühenden Wetterfahnen flimmern sah! Wie erschrak sie bei jedem verräterischen Knirschen des Sandgerölles unter ihren Füßen! Sie kam wie eine Vertriebene, die einen letzten Blick in das gelobte Land werfen will. Und nun lehnte sie an der Pappel, die den Holzbogen flankierte — an dieser Stelle hatte sie das letzte unverwischliche Bild in ihre Seele aufgenommen; wie auf Goldgrund hatten sich die lauschenden Kinderköpfchen neben der Hausecke draußen von der strahlenden Landschaft abgehoben, und dort an dem Gartentische war der kraftvolle, strenge Mann in unbegreiflicher Gemütserschütterung zusammengebrochen.

Jetzt war es still auf dem tiefbeschatteten Rasengrunde. Die Obstbäume, die sie in prangender Maienfrische gesehen, bogen sich unter der Last ihrer Früchte, die gelb und rotbackig das unscheinbar gewordene Laub überstrahlten und die Lüfte mit dem köstlichen Aroma der Reife erfüllten, und am Weinspalier des Hauses hing der vielgerühmte Traubenreichtum in tiefer Bläue. Nur einen einzigen schüchternen Blick nach dem Eckfenster, wo der Schreibtisch stand! Der Doktor war ja nicht daheim; er eilte von einem Krankenbette zum andern »bis zum letzten Augenblicke«. Und in dem Zimmer wohnte er auch nicht mehr. Weiße, spitzenbesetzte Gardinen hingen hinter den Scheiben; auf dem Sims, zwischen den Töpfen mit vollblühenden Alpenveilchen, lag ein schneeweißes Kätzchen, und jetzt hoben sich zwei strickende Hände und ein Frauenkopf mit silberweißem Scheitel unter dem sauberen Mullstrich bog sich darüber her — die alte Freundin der Tante Diakonus war bereits eingezogen. Er hatte auch diese Brücke hinter sich gebrochen; er war reisefertig, und übermorgen kam »der letzte Augenblick«, wo die stolze, herzlose Schwester neben ihm stand im weißen Atlaskleide, um — »die Salonrepräsentantin des berühmten Mannes« zu werden. Hatte sie einst schwerer gekämpft, die schöne, blonde Edelfrau, als das Mädchen, das jetzt, bitterlich weinend, die Arme um den schlanken Stamm legte und an die rauhe Rinde die Stirn preßte, bis sie ihr schmerzte? Jene war geliebt worden, und wenn auch verlassen, traf sie keine Schuld, hier aber nagte an dem Herzen einer Ungeliebten sündhafte Eifersucht, und die sie beneidete, war — die eigene Schwester.

Starke Männerschritte hinter ihr machten sie aufschrecken. Der Müller Franz ging mit einer über die Schulter gelegten Eisenstange vorüber, um nach dem oberen Wehre zu sehen, wie er sagte. Diese Begegnung, die ihr das Blut in das Gesicht trieb, scheuchte sie von ihrem Lauscherposten, und während Franz rasch weiter eilte, ging sie langsam am Ufer hin. Sie konnte sich noch nicht entschließen, in die Villa zurückzukehren — mit ihrer Toilette für heute abend war sie ja längst fertig, ehe Henriette, die trotz ihrer Hinfälligkeit um jeden Preis dem Festspiel beiwohnen wollte, ihren armen, elenden Körper so geschmückt hatte, daß die Spuren der verheerenden Krankheit weniger hervortraten.

Hier war es so köstlich einsam. Niemand sah ihre geröteten Augen, und wie sie zornig mit ihrem widerspenstigen Herzen rang, mit ihrer sündigen Sehnsucht, die sie hierher getrieben hatte — ja, sie allein — Schande über sie, wenn sie sich selbst anlog und ihr leidenschaftliches Verlangen beschönigte! Nicht das traute Haus, nicht die liebenswürdige alte Frau drinnen hatte sie wiedersehen wollen, und es war nicht ihre feste Ueberzeugung gewesen, daß er nicht daheim sein könne — sie hatte es doch gehofft, und nun, wo sich ein anderes Gesicht als das seine am Eckfenster gezeigt hatte, war ihr das traute Fleckchen Erde öde und sonnenverlassen erschienen.

Der voranschreitende Müller war ihren Blicken entschwunden — sie kam der Ruine näher. Der Wasserring glitzerte von ferne und das auseinandertretende Gebüsch ließ sie den eleganten Brückenbogen übersehen, der sich über den Graben schwang .... In diesem Augenblicke beschritt ihn vom Turme her ein Mann mit großem, rotblondem, tief auf die Brust herabreichendem Vollbarte. Er trug eine blaue Arbeiterbluse unter dem lässig übergeworfenen Rocke und jagte mit seinem Stocke die zwei Rehe vor sich her. Sie stoben förmlich über die Brücke und flohen in den Park hinein.

Käthe würde den Mann nicht weiter beachtet haben — Handwerker verkehrten ja oft im Turme — wenn sein Gebaren sie nicht stutzig gemacht hätte. Der Kommerzienrat liebte die Rehe zärtlich; er konnte sehr böse werden, wenn er eines im Parke umherirrend fand — und nun jagte der Fremde die scheuen Tiere geflissentlich über das Wasser! War er einer jener Erbitterten, die dem beneideten Reichtume Schaden zufügen und Schabernack anthun, wo sie können? ... Er schlug den Weg ein, der nach dem großen Parkthore und auf die Landstraße hinausführte; sie verfolgte ihn mit den Augen, bis ihn das Dickicht aufnahm — welche Aehnlichkeit! Seiner Haltung und Größe, seinem ganzen Körperbau nach hätte der Mann im Arbeiterrocke ein blonder Zwillingsbruder des Kommerzienrates sein können.

Sie blieb wider Willen gefesselt stehen und sah nach dem Turme, von wo er gekommen war — wie herrlich gruppierte sich hier die Landschaft um die Ruine, und mit welch künstlerischem Takte und Gefühle hatte der aus der Ferne herbeigerufene Baumeister das Vorhandene zu benutzen verstanden, um die Mauerreste mit einem so ergreifenden romantischen Zauber zu umspinnen! Es war wieder still geworden; nur das Flügelklatschen der Tauben, die über dem Turme kreisten, klang schwach herüber — wie kleine Silberkähne durchschifften die graziösen Luftsegler den klaren, rot angehauchten Abendhimmel und schlüpften durch die Lücken der Mauerkrone, die scharfzackig in das Aetherblau hineinschnitt — nein, nicht die Mauerkrone! Ein urplötzlich speiender Krater war es, der unter donnerndem Krachen eine Garbe schwarzen Schwalles riesenhoch in den Himmel hinaufschleuderte. Der Boden wurde dem Mädchen buchstäblich unter den Füßen weggerissen — sie stürzte, wie hingeschmettert — dann schwemmten kühle Wassermassen an sie heran.