Sie trat jetzt geflissentlich fester auf und bei dem Geräusche fuhr er herum.

»Dein Kopfweh hat sich verschlimmert?« fragte sie teilnehmend.

»Ja — und ich habe in diesem Augenblicke wieder einen beängstigenden Anfall von Schwindel gehabt,« antwortete er mit unsicherer Stimme und drückte sich den Hut tiefer in die Stirn. »Kein Wunder! Hätte ich eine Ahnung gehabt von den tausend Widerwärtigkeiten, die mit dieser Polterabendfeier verknüpft sind, ich hätte ganz gewiß davon abgesehen,« setzte er gefaßter, aber auch mit einer ihm sonst fremden Art von Poltern hinzu. »Diese bornierten Handwerkerköpfe haben in meiner Abwesenheit alles verkehrt gemacht; sie haben mich und meine Intentionen nicht begriffen, und was sie in einer vollen Woche zusammengekleistert und -genagelt haben, das mußte heruntergerissen und in Zeit von zwölf Stunden neu hergestellt werden. Nun haben wir den Lärm und die beispiellose Hetzerei bis auf den letzten Moment, wo die Gardine in die Höhe gehen soll.«

Er stieg die Stufen herab, langsam und zögernd, als schwimme bereits alles wieder vor seinen Augen.

»Soll ich zurückgehen und dir ein Glas Selterswasser holen?« fragte sie, auf der Schwelle stehenbleibend. »Oder wäre es nicht besser, den Arzt zu holen?«

»Nein — ich danke dir, Käthe,« versetzte er in seltsam weichem Tone, und sein feuchter Blick überflog schimmernd, wie messend, das schlanke Mädchen, das seiner Besorgnis so ungekünstelt Ausdruck gab. »Uebrigens irrst du sehr, wenn du meinst, Bruck sei so leicht erreichbar. Der läßt sich von seiner Praxis hetzen bis zum letzten Augenblick; ich glaube, man wird ihn übermorgen vom Krankenbette zur Trauung holen müssen.« Ein sarkastisches Lächeln, als mache er sich innerlich über die ganze Welt lustig, flog über seine Lippen. »Das beste Mittel habe ich selber« — sagte er gleich darauf — »meinen kühlen Turmkeller. Ich bin eben im Begriffe, hinüberzugehen und die Weine für heute abend herauszugeben; die frische Kellerluft wird wirken wie eine kühlende Kompresse.«

Käthe knüpfte die Hutbänder unter dem Kinne fester und trat heraus auf die Thürstufen.

»Und du gehst noch in die Mühle? Hoffentlich nicht weiter?« meinte er, nach seiner Uhr sehend; diese einfache Frage klang so nachlässig hingeworfen, und doch kam es Käthe vor, als stocke ihm der Atem dabei.

Die Stufen herabsteigend, sagte sie ihm, was sie nach der Mühle führe, dann ging sie mit einem freundlichen Kopfneigen über den Kiesplatz, während der Kommerzienrat die Richtung nach dem Turme einschlug. Hinter dem ersten Strauche des nächsten Bosketts sah sie noch einmal unwillkürlich nach ihm hinüber; er war unverkennbar leidender, als er eingestehen mochte. Schon wieder ging er zögernd, wie mit einknickenden Knieen; er hatte den Hut in den Nacken geschoben, als stürme ihm die Fieberglut abermals nach dem Kopfe, und seine Augen irrten ziellos über den Park hin.

Jetzt brauste es auch ihr durch das Gehirn; ein dunkles Angstgefühl überkam sie. Der kranke Mann mit dem unsicheren Gebaren allein im Turmkeller! Wie ein Fiebergespenst jagte der grauenhafte Gedanke, der sie einst angesichts der Ruine gepackt, an ihr vorüber. »Ich bitte dich, Moritz, sei vorsichtig mit dem Kellerlicht!« rief sie ihm angstvoll zu.