Käthe war unwillkürlich in die Fensternische zurückgewichen, in deren Nähe Henriettens Lehnstuhl stand. Sie sah, wie sich bei dem taktlosen Trinkspruche die Wimpern der Kranken feuchteten, wie sie sich im schmerzlichen Zorne auf die Lippen biß — die süße Gewohnheit des Daseins war für sie ein Marterrost, und »das herrliche Leben« ließ sich »feindlich« genug jeden Atemzug mit Schmerzen abkaufen. Die junge Mündel hatte kein Glas genommen und der Herr Vormund hatte ihr auch keines angeboten. Der Blick des Mädchens glitt dunkel und ernstspähend über seine lebhaft erregten Züge. Sie hatte nie geahnt, daß auch hinter diesem glatten, leidenschaftslosen Männerantlitze ein innerer Sturm aufwogen könne — und da war er in den unstät flackernden Augen, in dem leisen, konvulsivischen Beben der Lippen, in der ungewöhnlich lustig forcierten Stimme.

Es war, als fühle der reiche Mann den Blick — er sah unwillkürlich nach der Fensternische, dann stellte er rasch sein Glas auf den Tisch und fuhr sich mit beiden Händen hastig über Stirn und Haar; zu dem Kopfschmerze, der diesmal der Weinkur zu spotten schien, hatte sich für einige Sekunden nun auch ein leichter Schwindelanfall gesellt.


24.

Der Polterabendlärm in der unteren Etage steigerte sich nachmittags bis zur Unerträglichkeit. Die adeligen Rittergutsbesitzer aus der Umgegend fuhren vor und mußten einlogiert werden. Aus der Stadt wurden Korbwannen voll »Theaterstaat« herbeigeschleppt — die Darsteller sollten sich in der Villa kostümieren. Friseure und Schneidermamsells rannten aus und ein, und dazwischen trabten die Gärtnergehilfen immer noch von den Treibhäusern her nach der Villa, keuchend und schweißtriefend unter der Last mächtiger Palmen, Orangen- und Gummibäume.

Bei all dem dumpfen Geräusche unter ihrem Zimmer war Henriette doch in einen scheinbar erquickenden Nachmittagsschlummer gesunken. Im anstoßenden Kabinette saß Nanni, die Kammerjungfer, und nähte mit flinken Händen Silberflitter auf eine Gazewolke, deren die noch immer fieberhaft arbeitenden Tapezierer drunten im Saale bedurften. Käthe öffnete leise die Thür und empfahl dem Mädchen, wachsam zu sein und das Zimmer nicht zu verlassen, bis sie zurückkehre — dann ging sie hinab, um in der Mühle verschiedene Anordnungen zu treffen.

Sie vermied es, den Hauptkorridor zu betreten — er wimmelte von ab- und zugehenden Menschen — und bog in den neben dem Saale hinlaufenden Gang ein. Er war weniger belebt, aber in der schmalen Thür, auf die er mündete und welche ins Freie führte, stand der Kommerzienrat, den Strohhut auf dem Kopfe und augenscheinlich im Begriff, nach dem Turme zu gehen. Er gab dem Lakaien Anton, der ihn speziell bediente und deshalb mit ihm die Ruine bewohnte, einige in der Stadt zu besorgende Aufträge. »Lasse dir Zeit!« rief er dem Forteilenden nach. »Erst nach sechs Uhr will ich mich umkleiden.«

Käthe schritt leise und langsam weiter; sie hoffte, er werde nun auch die Schwelle verlassen und in den Garten hinaustreten, allein er schob mechanisch die Hände in die Seitentaschen seines leichten Ueberziehers und ging nicht. Zu seinen Füßen liefen einige Stufen hinab; er stand ziemlich hoch und konnte von da aus ein bedeutendes Stück seines herrlichen Parkes übersehen, und das fesselte ihn offenbar an seinen Platz. Hatte er denn noch nie diesen Anblick in seiner überraschenden Schönheit so empfunden wie jetzt, wo die Spätnachmittagsbeleuchtung, in die sich bereits rosige Tinten des Abendlichtes stahlen, darüber hinfloß? .... Immer wieder zeigte die Bewegung seines Kopfes, daß er die Augen rundum schweifen lasse, aber das junge Mädchen sah auch, daß sein Oberkörper unter fliegenden, gepreßten Atemzügen förmlich bebte; sie sah, wie sich seine Hände in den Taschen krampfhaft ballten, wie die Rechte plötzlich aufzuckend nach der Stirn fuhr und sich über die Augen legte. Er kämpfte jedenfalls mit dem Unwohlsein, über welches er heute morgen geklagt und das er standhaft verbiß, um die Abendfestlichkeit nicht zu stören.