Und die Menschen raunten sich von aufgehäuften Gold- und Silberschätzen zu — oder nein, es waren ja Papiere gewesen, Papiere, die den Besitz von Fabriken, Grubenwerken, Landstrecken und dergleichen in unermeßlichem Werte verbürgten und welche der alte, feste Turm mit seinen Mauern, seinen unbesieglichen Schlössern und seinem Wassergürtel wie ein Drache gehütet hatte. Wo waren sie? Wo die Eisenplatten, die sie umschlossen? Waren die Geldspinde unzersprengt hinabgestürzt in das Kellergewölbe, inmitten der Flammenglut eine Auferstehung ertrotzend?
Und was war aus ihm geworden, aus dem reichen Manne, von welchem Anton bestimmt wissen wollte, daß er sich vor einer Stunde nach dem Turme begeben habe, um Weine aus dem Keller zu holen? Alles starrte mit stockendem Atem in das Flammengewoge, während der treue Diener händeringend den Graben umkreiste und den Namen seines Herrn immer wieder über das Wasser hinüberrief. Es war doch eine unverzeihliche Marotte gewesen, Schießpulver da aufzubewahren, wo man mit dem offenen Kellerlicht hantierte.
»Die verkommene historische Merkwürdigkeit hat das nicht gethan; dazu ist ein ganz anderer Sprengstoff nötig gewesen,« sagte einer der zuerst herbeigeeilten Spaziergänger, ein Ingenieur, laut und sehr bestimmt in das Stimmengewirr hinein.
»Aber wie wäre denn der in den Keller gekommen?« stammelte Anton stehenbleibend, indem er den Sprecher blöde und verständnislos mit seinen angstverschwollenen Augen ansah.
Der Herr zuckte schweigend, mit einer zweideutigen Miene die Achseln und wich mit den anderen zurück — die Spritzen begannen ihre Arbeit.
Und nun zischten die Wasserstrahlen empor und die Glocke auf dem Stadtturm läutete unermüdlich, solange sich das Feuer ungebärdig gegen seinen Erzfeind aufbäumte; von der Villa her schleppte die Feuerwehr Bretter und Stangen, um eine improvisierte Brücke über den Graben zu schlagen, und der Lärm und das Menschengetümmel wuchs und schwoll von Sekunde zu Sekunde. Da scholl mitten in das Getöse hinein ein markdurchschütternder Schrei — dort drüben, der Ruine ziemlich nahe, auf dem Wege vom oberen Wehre her, hatten sie den Müller Franz gefunden; ein schwerer Stein hatte ihn zu Boden gerissen und ihm die Brust zerquetscht — der Mann war tot.
Es war, als pflanze sich der Schrei, den die Frau des Müllers im Hinstürzen über den Entseelten ausgestoßen, von Kehle zu Kehle fort — ein solch unbeschreiblicher Stimmenaufruhr wogte über den Park hin.
»Moritz — sie haben ihn gewiß gefunden!« murmelte die Präsidentin aufschreckend. Sie war unweit des Hauses auf einer Gartenbank zusammengesunken; weiter hatten sie ihre Füße nicht getragen, jetzt machte sie abermals eine krampfhafte Anstrengung, sich zu erheben — vergebens! Die bisher so standhaft ignorierte Altersschwäche machte sich angesichts einer wirklichen Gemütserschütterung in bestürzender Weise geltend. »Haben sie ihn? Ist er tot? Tot?« lallte sie, und die sonst so fest, so vornehm und kühl blickenden Augen irrten, weit aufgerissen, in wilder Angst den Weg entlang, der in der Richtung der Ruine den Rasenplatz durchschnitt; dabei umklammerte sie Floras Arm, die neben ihr stand.
Die schöne Braut war die einzige, die ihre Fassung behauptete. Welch ein Kontrast! Dort über den Bäumen zog schwelend und träge der dicke Qualm und färbte weithin den Himmel mit einem schmutzigen Schiefergrau, und hier, vor dem Hause mit seinen zertrümmerten Spiegelscheiben, seinen umgestürzten Orangeriekübeln unterhalb des Balkons, verliefen und versickerten nur langsam die angeschwemmten Wasser und sammelten sich zu rinnenden Bächen in den tiefen Furchen, welche die Räder der Feuerspritzen in die Kies- und Rasenflächen gerissen — dazu das wahnwitzige Geschrei, das durch die Lüfte gellte, das geräuschvolle Vorüberstürzen immer neuer Menschenmassen von der Stadt her, und inmitten dieser Verwüstung, dieses Tumultes eine schneeweiße Braut, weiße Maßliebchen an der Brust und in den blonden Locken, bleich bis in die Lippen, aber zuversichtlich und überlegen in der äußeren Haltung wie immer — eine gegen jedes persönliche Unglück Gefeite.