»Wenn du meinen Arm nur einmal loslassen wolltest, Großmama!« sagte sie ungeduldig. »Ich könnte dich möglicherweise überführen, daß du Gespenster siehst. Weshalb soll und muß denn Moritz durchaus verunglückt sein? Bah — Moritz mit seinem fabelhaften Glück? Ich bin überzeugt, er ist heil und ganz drüben mitten im Getümmel, und unsere kopflose Dienerschaft, die es, nebenbei gesagt, nicht der Mühe wert hält, nach uns zu sehen, und nur dann und wann im Vorüberrennen albernes Gewäsch in den Himmel hineinschreit, diese bornierten Menschen, sage ich, sehen ihren Herrn mit offenen Augen nicht.« — Ihr Blick streifte das nasse Terrain, dann sah sie auf ihren Fuß, der sich im weißen Stiefelchen unter den Garnierungen des Tarlatankleides verschob. »Man wird denken, ich sei auch ein wenig verrückt geworden,« meinte sie achselzuckend, »aber ich muß hinüber —«

»Nein, nein, du bleibst,« rief die Präsidentin und grub ihre Finger in die Falten des weißen Kleides. »Du wirst mich nicht allein lassen mit Henriette, die noch hilfloser ist als ich und mir nicht beistehen kann. O mein Gott, ich sterbe. Wenn er tot wäre, wenn — was dann?« Ihr Kopf fiel tief auf die Brust, die in Brillanten flimmerte — wie entsetzlich alt sah die Frau aus! Ihre gelbe Moireeschleppe umbauschte wie in grellem Hohn die gebeugte Greisengestalt.

Henriette kauerte auf der andern Seite der Bank, aschfarben vor Erregung und mit entsetzten Kinderaugen in das Weite starrend. »Käthe! Wo nur Käthe bleibt?« sagte sie mit bebenden Lippen wieder vor sich hin, als sei ihr der Satz eingelernt worden.

»Gott im Himmel, schenke mir Geduld!« murmelte Flora zwischen den Zähnen. »Es ist doch etwas Schreckliches um solche Frauenzimmer ... Ich bitte dich, Henriette, warum schreist du denn immer nach deiner Käthe? Die wird dir doch niemand nehmen!«

Mit verzehrender Ungeduld überflog ihr Blick das Haus, aber da war kein lebendes Wesen zu sehen, das sie von dem ihr aufgezwungenen Beschützerposten hätte erlösen können — sie waren alle nach der Ruine gerannt, die bereits angekommenen Gäste aus der Umgegend, die Lakaien, die dienstbaren Geister der Küche; selbst die feinbeschuhten Kammerjungfern waren durch die tiefen Wasserlachen mitgelaufen. Aber von der Stadt her nahte jetzt Beistand — die darstellenden Damen des Festspiels kamen atemlos um die Hausecke.

»Um Gottes willen, was geht bei euch vor?« rief Fräulein von Giese und stürzte auf die verlassene Frauengruppe zu.

Flora zog die Schultern empor. »Im Turm hat eine Explosion stattgefunden — mehr wissen wir auch nicht. Alles rennt vorüber, niemand steht uns Rede, und ich kann nicht von der Stelle, weil die Großmama den Kopf verloren hat und mir in ihrer bodenlosen Angst buchstäblich die Kleider vom Leibe reißt. Sie bildet sich ein, Moritz sei umgekommen.«

Die jungen Mädchen standen wie zu Stein erstarrt vor dieser gräßlichen Vermutung — der blühend schöne Mann, der vor wenigen Stunden noch »dem herrlichen Leben« ein Hoch gebracht, dort in den Flammen umgekommen oder in Atome zerstückelt! Das war nicht auszudenken. »Unmöglich!« stieß Fräulein von Giese heraus.

»Unmöglich?« wiederholte die Präsidentin unter einem Gemisch von Schluchzen und wahnwitzigem Auflachen; jetzt stand sie wie emporgerissen auf ihren Füßen, aber sie schwankte wie eine Betrunkene und deutete mit einer unsicheren Armbewegung nach dem nächsten Boskett. »Da — da bringen sie ihn! Gerechter Gott! Moritz, Moritz!«

Dort wurde unter feierlichem Schweigen ein Gegenstand hergetragen, und in dem Kreise neugierig mitlaufender Menschen schritt Doktor Bruck; er war ohne Hut und seine hohe Gestalt überragte alle.