Flora flog hinüber, während die Präsidentin in ein lautes krampfhaftes Weinen ausbrach. Beim Anblick der herbeieilenden, gebieterisch schönen Braut trat die Begleitung unwillkürlich auseinander; nach einem raschen Blicke über die hingestreckte Gestalt, die man auf einem Ruhebette trug, wandte sich Flora sofort zurück und rief beschwichtigend: »Beruhige dich doch nur, Großmama! Es ist ja nicht Moritz —«

»Käthe ist's — ich wußte es,« murmelte Henriette halb schluchzend, halb gespenstisch flüsternd mit ihrer heiseren Stimme und wankte hinüber, wo die Träger, Atem schöpfend, für einen Augenblick ihre Last niedergesetzt hatten.

Die Verunglückte lag auf einem altmodischen Ruhebette aus des Doktors Arbeitszimmer — ihre seitwärts niederhängenden Kleider troffen von Nässe. Weiche Bettkissen unterstützten Kopf und Rücken; sie hätte mit ihren sanft geschlossenen Lidern und den zwanglos im Schoße ruhenden Händen ausgesehen wie eine friedlich Schlummernde, wäre nicht das Blutgerinnsel an der linken Wange nieder und die Binde über der Stirn gewesen, die von einer Kopfwunde zeugten.

»Was ist's mit Käthe, Leo? Was in aller Welt hat sie an der Unglücksstätte zu suchen gehabt?« fragte Flora, an das Ruhebett herantretend — Ton und Blick zeigten mehr Aerger über den vermeintlichen Vorwitz der Stiefschwester als eigentlichen Schrecken.

Der Doktor war vorhin bei ihrer beschwichtigenden Versicherung wie in jäh aufloderndem Zorne emporgefahren; jetzt schien es, als höre er gar nicht, daß sie spreche — so fest lagen seine Lippen aufeinander und so leer war der Blick, der neben ihr hinstreifte und dann auf Henriette niedersank.

Die arme Kranke stand, nach Atem ringend, vor ihm und ihre thränenumflorten Augen sahen in Todesangst zu ihm auf. »Nur ein einziges Wort, Leo — lebt sie?« stammelte sie mit bittend gehobenen Händen.

»Ja, die Lufterschütterung und der Blutverlust haben sie betäubt, gefahrbringend sind augenblicklich nur die nassen Kleider; die Stirnwunde ist ungefährlich, Gott sei Dank!« antwortete er wie aus tiefster Brust in vibrierenden Tönen, und liebreich wie ein Bruder legte er den linken Arm um ihre schwache Gestalt, die sich kaum auf den Füßen zu erhalten vermochte. »Vorwärts!« befahl er den ruhenden Trägern mit hörbarer innerer Angst und Ungeduld.

Der begleitende Menschenschwarm verlief sich enttäuscht; es war ja keine Gefahr vorhanden; die meisten kehrten nach der Brandstätte zurück. Das Ruhebett wurde über den Kiesweg getragen, an der Präsidentin vorüber, die völlig geistesabwesend auf die Ohnmächtige stierte und nichts mehr zu begreifen, zu fassen schien. Die entsetzte Mädchenschar drängte sich wie gescheucht aneinander und blickte ratlos zu dem jungen Arzte empor, der, ohne sie zu beachten, neben dem Ruhebette schritt. Noch hielt er mit dem linken Arme Henriette umschlungen; die Rechte aber hatte er auf Käthes Stirn gelegt, um jeder schmerzenden Erschütterung vorzubeugen. Der sonst so scheu sein Inneres verbergende Mann, den man in der letzten Zeit nur noch mit tiefverfinsterten Augen und gezwungenem Wesen gekannt hatte, sah unverwandt behütend, mit unverhohlener Zärtlichkeit auf das erblaßte Mädchengesicht nieder, als existiere nichts anderes mehr für ihn, als habe er unter Todesqualen sein Liebstes und Heiligstes auf dieses Ruhebett gerettet.

Flora ging der schweigenden Gruppe nach, isoliert, wie wenn nicht das geringste Band sie mit den drei Menschen verkette, die das Unglück plötzlich vor aller Augen in so innige Beziehung brachte. Dort, wo die Träger gerastet hatten, standen noch tiefe Wasserlachen; sie war mit ihren zierlichen weißen Stiefeln in das trübe Naß getreten und die lange Tarlatanschleppe schleifte durchfeuchtet und beschmutzt über den Kies. Mit einem raschen Griff nahm die schöne Braut den weißen Margueritenkranz aus dem Haar; er war zur bitteren Ironie geworden inmitten der entsetzlichen Ereignisse; sie zerdrückte und zerriß ihn mechanisch mit den Fingern, und wo sie gegangen war, lagen die kleinen schneeigen Sterne verstreut.