Aber auch sie schritt an der Großmama und den Freundinnen vorüber, ohne sie anzusehen. Ihr funkelnder Blick maß unausgesetzt die imposante Gestalt des Bräutigams — man sah, sie erwartete von Sekunde zu Sekunde, daß er sich nach ihr umwende, und so folgte sie ihm Schritt für Schritt über den weiten Platz, über die Schwelle des Hauses. Die Präsidentin rief nach ihr; ein abermaliges, erderschütterndes Gerassel, dem ein emporbrausendes Toben von Menschenstimmen folgte, dröhnte von der Ruine herüber — sie sah nicht zurück; mochte auch hinter ihr die Welt zusammenbrechen — sie ging in unerbittlicher Entschlossenheit »ihren Rechten« nach.
25.
Auf diesen grauenvollen Tag folgte eine dumpfschweigende Nacht voll todesbanger, atemloser Spannung. Niemand ging zu Bette; alle Gasflammen im Hause brannten; die Dienerschaft schlich ruhelos auf den Zehen umher oder hockte flüsternd in den Ecken zusammen, und nur wenn drüben vom Turme her die Schritte eines Feuerwächters näher klangen oder eine der nach außen führenden Thüren leise geöffnet wurde, fuhren alle wie elektrisch empor und rannten hinaus in die Korridore, denn der Herr des Hauses sollte und mußte noch kommen, aber die Nacht verging und das Frührot brach durch die Fenster — und er kam nie, nie wieder.
Es war ein rosiger, den klarsten Tag verkündender Strahl, der über die Villa Baumgarten hinglitt und die zersprungenen Spiegelscheiben glitzern und flimmern machte. Er lief durch den Festsaal und ließ den Purpursamt des herabgestürzten Brautbaldachins aufleuchten; er küßte das welkende Laub der Festons und das zerknickte Geäst der umgeworfenen Treibhausbäume — welch ein Chaos! Ein einziger Stoß hatte die kostbare, aber leicht gefügte Feerie aus »Tausendundeine Nacht« in ein schauerliches Gemengsel von zahllosen Scherben und Trümmerresten zusammengeschüttet. Und alle die zierlichen, die bräutliche Freundin verherrlichenden Verse waren ungesprochen geblieben, und da, wo die goldbeflitterten Genien im Rosengewölk hatten herabschweben sollen, spielte der scharf hereinziehende Morgenwind gespenstisch mit rosa und weißen Kreppfetzen.
Vielleicht heute zum erstenmal durfte das Frühlicht in die vornehmen Räume schimmern; kein Laden war vorgelegt, kein Rouleau niedergelassen worden; selbst das prächtige Schlafzimmer auf der nordöstlichen Ecke des Erdgeschosses mit seinen korinthroten Seidendraperien und seinem kostbar geschnitzten, von Spitzen überdeckten Bette auf hoher Estrade war ihm preisgegeben und es durfte sich in den Brillanten spiegeln, die noch in den Lockenpuffen der Präsidentin verstreut lagen. Die Hand der Kammerjungfer hatte die alte Dame nicht berühren dürfen; noch schleppte ihr das gelbe Stoffkleid schwer nach, wie sie immer wieder durch die lange Zimmerreihe wankte, in welcher die umgeworfenen Möbel, die von den Simsen gestürzten Statuen umherlagen.
Die Schleierwolke um Hals und Kinn der alten Dame hatte sich gelöst, und der sonst so sorgfältig verhüllte, fleischlose Unterkiefer hob sich scharf, in hippokratischer Linie von dem vertrockneten Halse. Ja, sie war hochbetagt und für den ausgedörrten Körper stand die Lebenssonne tief, tief im Niedergehen — und dennoch wälzte diese wankende Greisin in fieberhafter Angst den Gedanken unablässig durch den Kopf: »Wer wird Moritz beerben?« Sie selbst hatte nicht den leisesten Anspruch auf die Hinterlassenschaft des so jäh Hingerafften — nicht einmal auf das Bett, in welchem sie schlief, nicht auf das Geschirr, aus welchem sie aß. Der Kommerzienrat war früh verwaist; so viel sie wußte, existierten keine Verwandten seines Namens mehr, aber hatte er nicht öfter Unterstützung an eine arme Schwester seiner verstorbenen Mutter an den Rhein geschickt? Sollte sie die Erbin sein? Der Gedanke war zum Rasendwerden. Die Frau eines obskuren Schreibers, eine bedürftige Weißnäherin, nahm Besitz von den kolossalen Reichtümern, und die Frau Präsidentin Urach, die sich schon lange gar nicht mehr vorstellen konnte, wie man ohne seidengepolsterte Equipage von einem Ort zum andern kommen, wie man ohne Koch und servierende Lakaien anständig essen und in einem Bette ohne Brokatbaldachin schlafen könne, sie mußte ihre alten, auf den Dachboden gestellten Möbel wieder ausklopfen und in eine enge Mietwohnung schaffen lassen, wo es keinen Marstall voll dienstbereiter Pferde, keine Livreebedienung und keine fürstlich splendide Küche mehr gab — denn sie und ihre beiden Enkelinnen waren ja nicht blutsverwandt mit dem Millionär, der ohne Testament aus der Welt gegangen.