— und dennoch wälzte sie in fieberhafter Angst den einen Gedanken unablässig durch den Kopf: »Wer wird Moritz beerben?« (S. 318.)
Die aus der Umgegend eingeladenen Herren waren bis nach Mitternacht um die alte Dame versammelt geblieben, und wenn man auch diesen Punkt nicht berührt hatte, so war doch schon in die hochgehenden Wogen der schreckensvollen Bestürzung da und dort ein scheues Wort gefallen über die entsetzliche Verwirrung, die der Katastrophe bezüglich der Vermögensverhältnisse des Verunglückten auf dem Fuße folgen müsse, da der Kommerzienrat seine Dokumentenschränke und seine Bücher in dem Turme verwahrt gehabt habe, und von alledem nicht ein einziges versprengtes Papierblatt gefunden worden sei.
Aber mochten auch da drüben Unsummen in die Luft geflogen sein — stand sie, die alte Frau, nicht hier auf einem Grund und Boden, der nach vielen Tausenden geschätzt wurde? War nicht unter ihren Füßen, in dem festen Steingewölbe, die Silberkammer? Standen nicht Pferde der edelsten Rassen drüben in den Ställen? Und welcher unermeßliche Wert steckte in der Gemäldesammlung berühmter Meister! Das alles genügte, um der Frau Präsidentin das schöne, luxuriöse Leben einer reichen Frau bis an ihr Ende zu sichern, wenn die hochgeborene Dame den Beweis zu erbringen vermochte, daß das Blut des Seilersohnes auch in ihren Adern fließe.
Und auch von der, die über ihr in Henriettens Wohnzimmer lag, von der Enkelin des Schloßmüllers, war gesprochen worden — man wußte, daß ihr ganzes großes Vermögen in dem Turme eingeschlossen war. Die Präsidentin in ihrer nervösen Angst und Unruhe hatte nur mit halbem Ohre hingehört — was ging sie das Wuchergeld des ehemaligen Müllerknechtes an! Flora dagegen war bei ihrer merkwürdigen Sammlung und objektiven Ruhe, die sie angesichts des grauenhaften Ereignisses behauptete, den möglichen Eventualitäten gefolgt, welche die völlige Vernichtung der Dokumente für ihre Stiefschwester herbeiführen konnte.
Es hatte etwas Zornmütiges, Verbissenes in ihrem schönen, bleichen Römergesichte gelegen, als sie gegen zehn Uhr aus der Bel-Etage herabgekommen war. Sie, der gefeierte Mittelpunkt der geselligen Kreise, das schöne Mädchen, dessen geistiges Uebergewicht, dessen scharfes Urteil für alle Bekannten maßgebend war, sie hatte zu ihrer tiefsten Indignation die klägliche Rolle einer Ueberflüssigen droben in dem »sogenannten« Krankenzimmer spielen müssen. Außer Henriette, die, auf einem Sofa kampierend, um keinen Preis Käthe verlassen wollte, war auch die Tante Diakonus als Pflegerin erschienen. Sie hatte zugleich ein Asyl in der Villa suchen müssen, denn auf dem Hause am Flusse, das ja der Unglücksstätte am nächsten lag, waren die Schlöte eingestürzt; an der südlichen Hausmauer zeigten sich bedenkliche Risse und Sprünge; die Fenster lagen in Trümmern und keine der Thüren paßte mehr in Schloß und Angel. — Die neueingezogene Dame war mit der Köchin in der Schloßmühle bei Suse einquartiert worden, und für die Nacht hatte der Doktor zwei Wächter an das verlassene Haus postiert.
Am Bette der Verletzten war kein Platz für Flora gewesen. Zu Häupten hatte die Tante, entsetzlich verweint, in einem Lehnstuhl gesessen, und ihr gegenüber der Doktor. »Die Alte« hatte sich gebärdet, als sei Käthes ungefährliche Stirnwunde, ihre anhaltende Betäubung, das Allerbeklagenswerteste, was der unheilvolle Tag überhaupt gebracht, und der Doktor war nicht von seinem Platze gewichen — er hatte Käthes Hand nur aus der seinen gelassen, wenn der Umschlag auf ihrer Stirn erneuert werden mußte. Ein solch besorgnisvolles Gebaren um »das robuste, lange Mädchen mit den Nerven und Gliedern der ehemaligen Holzhackerstochter« widerspruchslos mit anzusehen, dazu hatte denn doch für Flora ein vollgerütteltes Maß Geduld und Selbstüberwindung gehört.
Des ewigen bangen Geflüsters müde, und einsehend, daß sich heute mit all den konsternierten Menschen kein vernünftiges Wort reden lasse, war die schöne Braut endlich hinabgestiegen, allein und tief ergrimmt — der Doktor hatte sie nicht einmal bis zur Zimmerthür, geschweige denn die Treppe hinab geleitet. Zu Bette war sie selbstverständlich auch nicht gegangen; sie hatte die verunglückte Polterabendtoilette abgestreift, ihre schmiegsamen Glieder in den weißen Kaschmirschlafrock von griechischem Zuschnitte gehüllt und sich gegen Morgen ein wenig auf das rote Ruhebett hingestreckt.
Das ehemalige Studierzimmer ließ an Oede und Unwohnlichkeit nichts mehr zu wünschen übrig. Der schwarze Schreibtisch stand abgeräumt und verstaubt in seiner Fensterecke; von den Regalen waren sämtliche Bücher genommen und lagen verpackt in großen Kisten inmitten des großen Zimmers. Die Säulenstücke samt Büsten rollten umgestürzt auf der Erde; darüber her warf die qualmende, von unsicherer Dienerhand angezündete Hängelampe einen häßlich ungewissen Schein, und nun, als die Morgenluft kräftig durch die Fensterscheiben zog und der Tag mit seinem energischen Lichte hereinbrach, schaukelte sie leise droben an ihrer Kette in bläßlichem Rot, als glimme der Ruinenbrand in ihrer weißen Schale nach.
Jetzt, mit Tagesanbruch, hatte Flora hinaufgeschickt und den Doktor zu sich bitten lassen — sie hörte ihn sicheren, militärisch festen Schrittes durch den Korridor kommen. Mit eiligen Händen die derangierten Stirnlöckchen unter den Spitzen des Morgenhäubchens noch einmal zurechtzupfend, drückte sie das weiße Marmorgesicht tiefer in die roten Polster und sah blinzelnd nach der Thür, durch die er eintreten mußte.
Er schritt über die Schwelle. Sie hatte ihn noch nie so gesehen, und deshalb erhob sie sich, unwillkürlich, mechanisch, als trete ein fremder Mann herein.