»Ich fühle mich unwohl, Leo,« sagte sie unsicher und ohne den Blick des Erstaunens von dem Gesichte wegzuwenden, das bleich, überwacht und dennoch wie von einem inneren Lichte belebt und durchleuchtet, plötzlich einen so völlig veränderten Charakter angenommen hatte. »Mein Kopf brennt — der Schrecken und durchnäßte Füße haben mir jedenfalls ein Fieber zugezogen.« Sie setzte das stockend hinzu, während seine Augen kalt prüfend mit der beobachtenden Ruhe des Arztes über ihre Züge hinstreiften. Dieser eine Blick machte ihr das Blut sieden.
»Nimm dich in acht, Bruck!« sagte sie mit völlig beherrschter Stimme, aber ihr Busen wogte unter gepreßten Atemzügen und die schöngeschwungenen Brauen hoben sich, so daß zwei strenge, tiefe Querfalten die weiße Stirn durchschnitten. »Ich ertrage es nun schon monatelang geduldig, daß deine Praxis die Geliebte ist, der ich mich unterordnen muß.« Sie zuckte die Achseln. »Ich sehe ein, daß das mein Schicksal bleiben wird, und denke groß genug, um mich darüber hinwegzusetzen; denn diese Hingabe an seinen Beruf macht den Mann bedeutend, dessen Namen ich tragen werde.« Bei diesen Worten wandte sie den hochgehobenen Kopf weg, als überfliege ihr geistiger Blick die weite Welt, die sein berühmter Name erfüllte. So entging ihr die jäh emporlodernde Flammenglut auf seinen Wangen. »Aber ich protestiere entschieden gegen jede Zurücksetzung, sobald ich selbst deinen ärztlichen Rat brauche,« fuhr sie fort. »Wir alle haben unter der furchtbaren Katastrophe zu leiden gehabt — ich armes Opfer mußte bei allem Schrecken noch die halb wahnwitzige Großmama und Henriette in ihrem trostlosen Zustande unter die Flügel nehmen — eine nicht zu beschreibende Aufgabe. Und doch ist es dir bis zu dieser Stunde nicht eingefallen, auch nur einmal zu fragen: ‚Wie trägst denn du das Unglück?‘«
»Ich habe nicht gefragt, weil ich weiß, daß bei dir dergleichen seelische Eindrücke durch den Verstand kontrolliert werden und weil ich auf den ersten Blick hin sehe, wie wenig dein körperliches Befinden in Wahrheit beeinträchtigt ist.«
Sie horchte befremdet auf den Ton seiner Stimme — er sollte gelassen wie immer klingen, und doch bebte er hörbar, wie infolge ungestümer Herzschläge.
»Was deine zweite Behauptung betrifft, so irrst du,« sagte sie nach einem augenblicklichen Schweigen; »ich habe in der That nervöses Klopfen an den Schläfen; bezüglich der ersten aber magst du recht haben. Ich suche mich jedem Ereignisse gegenüber — gleichviel welchem — stets so rasch wie möglich zu sammeln, um es mit klarem Blicke übersehen zu können. Du scheinst diese meine Taktik zu mißbilligen, wie ich aus deinem seltsamen Tone entnehme, und doch hast du gerade heute alle Ursache, sie zu preisen. Ich habe mich nie überreden lassen, mit meinen vom Papa geerbten soliden Obligationen zu spekulieren — hätte ich mithin nicht auch bei überschwenglichen Glücksfällen den Kopf oben behalten, dann stände ich heute hier vor dir mit leeren Händen — meine Mitgift wäre verpufft, wie das unermeßliche Papiervermögen, das gestern in alle Lüfte geflogen ist. Ja, sieh mich nur scheu an, Bruck!« sie dämpfte ihre Stimme. »Ich lasse mich nicht düpieren und nenne die Dinge beim Namen. Die Großmama rennt drüben auf und ab und ringt die Hände, daß der kolossale Besitz Fremden zufalle; unsere lieben Gäste haben die halbe Nacht hindurch den reichen Mann beklagt und beweint, der ein Schoßkind des Glückes gewesen, den die boshafte Ironie des Schicksals in so tragischer Weise mitten aus seinem Erdenhimmel gerissen habe — ich aber sage: Der theatralische Abgang war mittelmäßig in Szene gesetzt; in den Kulissen ist eine Lücke geblieben, durch die man der Wirklichkeit auf den Leib gehen wird. In der Kürze, vielleicht in den nächsten Tagen schon, werden die Gerichte festgestellt haben, daß Römer anfangs vielleicht nur ein sehr leichtsinniger Spekulant, schließlich aber — ein Schurke gewesen ist.«
Eine einschneidendere Wandlung der Dinge ließ sich nicht denken, als die schöne Dame in diesem Augenblicke zur Geltung brachte. Sie stand in ihrem weißen Iphigeniagewande, den roten Teppich unter den Füßen, die schwebende Hängelampe über der Stirn, genau auf derselben Stelle, wo sie im Dezember gegenüber dem Kommerzienrate die ärztliche Wirksamkeit ihres Verlobten gebrandmarkt und gesagt hatte: »Ich dulde nichts Totgeschwiegenes in meiner Seele.«
Flora hatte recht; sie nannte allerdings die Dinge beim Namen — sie sprach das aus, was der Mann da vor ihr in seinem Innern nicht leugnete, was ihn seit gestern in eine namenlose Seelenpein versetzt hatte, aber daß der fein geschnittene, zarte Frauenmund sich vor den nacktesten Ausdrücken nicht scheute, um den Scharfsinn, »der sich nicht düpieren lassen«, an den Tag zu legen — das war wohl geeignet, einen Sturm von Unwillen in einer feinfühlenden Menschenseele hervorzurufen.
»Ach, wie ich sehe, habe ich heute das Unglück, dir in allem, was ich sage, zu mißfallen,« hob sie nach einem sekundenlangen Verstummen halb sarkastisch, halb schmollend wieder an und ging ihm um einige Schritte nach — er hatte sich mit unverhohlener Entrüstung abgewendet und war schweigend in die Fensterecke getreten. »Möglich, daß mein gerechtes Urteil ein wenig zu drastisch ausgesprochen war; vielleicht hätte ich auch, dankbar für manche kleine Annehmlichkeit, die mir Römer hier und da verschafft hat, weniger wahr und aufrichtig sein sollen;« — sie zog die Schultern und die Brauen empor — »aber ich bin nun einmal eine geschworene Feindin aller schwächlichen Bemäntelung und habe dabei auch alle Ursache, empört zu sein. Meine Schwester Henriette, mit deren Erbteil Römer spekuliert hat, wird mit dem Zusammensturze bettelarm, und Käthe? — Sei versichert, daß ihr von ihrem ganzen immensen Vermögen nicht ein Papierschnitzel bleibt!«
»Desto besser!« kam es wie ein Hauch von den Männerlippen, die so jünglingshaft rot und keusch unter dem vollen Barte schimmerten und in diesem Momente sanft zu lächeln schienen.