So schwach die zwei Worte auch geklungen, Floras Ohr hatte sie doch aufgefangen. »Desto besser?« fragte sie erstaunt und schlug, halb und halb lachend, die Hände zusammen. »Sehr sympathisch ist mir unsere Jüngste allerdings auch nicht, aber was hat sie denn verbrochen, daß du ihr Unglück in so befremdlicher Weise aufnimmst?«

Er biß sich wie in innerem Kampfe heftig auf die Unterlippen und preßte die Stirn an das Fensterkreuz; sie sah nachsinnend neben ihm weg, hinaus in den Garten, wo eben der goldene Morgenstrahl das weiße Haupt der steinernen Brunnennymphe erreichte.

»So schlimm wie Henriette ergeht es Käthe allerdings nicht — die Schloßmühle bleibt ihr, und die mag schon ein hübsches Stück Geldes wert sein,« setzte sie nach einer Pause hinzu. »Dorthin kann sie sich retten, wenn hier alles zusammenbricht, und auch für unsere arme Brustkranke wüßte ich kein besseres Asyl; beide Schwestern lieben sich ja und würden sich gewiß vertragen. Es wird uns auch kein anderes Arrangement übrig bleiben; die Großmama mit ihrem schmalen Einkommen kann unmöglich für Henriette sorgen, und dir werde ich selbstverständlich nie zumuten, die kranke Schwester in unsere junge Häuslichkeit mitzunehmen.« Sie schlang plötzlich ihren Arm in den seinigen und sah verführerisch zärtlich zu ihm auf. »Ach Leo, wie will ich Gott danken, wenn wir morgen im Wagen sitzen werden, all das Schreckliche, was nun hier erfolgen muß, im Rücken —«

Mit einer leidenschaftlichen Gebärde, mit einem Ingrimm, wie sie ihn noch nie in diesem stillen, ernsten Männerantlitze gesehen, riß er sich von ihr los. »Möchtest du wirklich alle im Stiche lassen, die Armen, die in den nächsten Tagen rat- und hilflos inmitten der schrecklichen Schicksalsschläge dastehen werden?« rief er wie außer sich. »Gehe, wohin du willst — ich bleibe!«

»Leo!« schrie sie auf — dann stand sie momentan sprachlos und rang mit einer unbeschreiblichen Erbitterung. Sie legte die geballte Faust auf das Herz, als habe sie einen Dolchstoß erhalten. »Du hast sicher die Tragweite deiner allzu raschen Worte selbst nicht ermessen,« sagte sie endlich klanglos und gepreßt; »ich will sie deshalb nur insoweit gehört haben, als sie eine Bemerkung meinerseits nötig machen: Wenn wir nicht morgen, bevor der Ausbruch erfolgt, unsere Reise antreten — und niemand wird es uns verargen, daß wir das nun einmal Vorbereitete in aller Stille ausführen —, dann muß unsere Verbindung überhaupt hinausgeschoben werden.«

Er schwieg und verharrte, wie zu Stein geworden, in seiner abgewendeten Stellung, und diese wortlose Unbeweglichkeit reizte sie sichtlich; ihr ganzes leidenschaftliches Naturell funkelte in den großen grauen Augen.

»Ich habe dir vorhin erklärt, daß ich zeitlebens gutwillig deiner Praxis, der Liebe zu deinem Berufe nachstehen will,« setzte sie dringender hinzu. »Nie aber werde ich mit meinen Interessen anderen Frauen weichen — das merke dir, Leo! Ich kann nun und nimmer einsehen, weshalb ich der Großmama und meiner Schwestern wegen den furchtbaren Zusammensturz hier mit durchkämpfen soll, da mir doch das Recht zusteht, mich in die ruhige schützende Häuslichkeit zu flüchten, die du mir zu geben gelobt hast; ein solches Opfer solltest du mir gar nicht zumuten. Liegt es in meiner Macht, etwas an der Sachlage zu ändern? Ganz und gar nicht — wozu dann die nutzlose Aufregung, in die du mich geflissentlich stürzest? Soll ich durchaus das Vergnügen haben, auch ein Gegenstand des öffentlichen Mitleids zu sein? Eher gehe ich stehenden Fußes von hier fort — ich will nicht, daß man mit den Fingern auf mich zeige.«

Sie durchmaß aufgeregt das Zimmer. »Du hast mir gegenüber für dein Bleiben hier nicht die leiseste Entschuldigung,« hob sie, fern von ihm stehen bleibend, mit finster zusammengezogenen Brauen wieder an, nachdem sie vergeblich auf einen Laut von seinen Lippen gewartet hatte. »Nicht einmal auf die Kranken in der Bel-Etage kannst du dich berufen. Henriette hättest du so wie so ihrem Schicksale überlassen müssen, und was Käthe betrifft, so wirst du mich nicht überzeugen, daß die Stirnschramme, die du selbst für vollkommen ungefährlich erklärt hast, deine ganze ärztliche Kunst und Hilfe erheische. Ehrlich gestanden, ich habe in dieser Nacht das Lachen verbeißen müssen über dein und der Tante Gebaren. Wenn Henriette über die paar vergossenen Blutstropfen kindische Thränen weint, so mag das hingehen — sie ist krank und nervengereizt —, aber daß du dich gebärdetest, als sei unsere Jüngste, dieser derbe, urgesunde Holzhackersproß, aus Duft und Schnee zusammengesetzt —« Unwillkürlich verstummte sie vor Leos Aussehen. Er hatte sich ihr zugewendet mit drohend gehobenem Finger, mit einer nicht mehr zu bezwingenden Aufregung in den Zügen.

Sie lachte zornig auf. »Glaubst du, ich fürchte mich? Ich habe deiner sehr unpassenden Handbewegung eine ganz andere entgegenzusetzen! Hüte dich — noch ist das ‚Ja‘ am Altare nicht gesprochen; noch liegt es in meiner Hand, eine Wendung herbeizuführen, die dir schwerlich gefallen dürfte. Und nun gerade wiederhole ich, daß mich dein gestriges ärztliches Thun und Treiben um Käthe schließlich angewidert hat. Soll ich nicht spöttisch werden, wenn du sie pflegst und verziehst wie eine Prinzessin —«

»Nein, nicht wie eine Prinzessin — wie eine Geliebte des Herzens, wie eine erste und einzige Liebe, Flora,« fiel er mit seiner tiefen, klangvollen Stimme in sichtlicher Bewegung ein.