Ein Schrecken durchfuhr sie, als habe ein Blitzschlag die Erde vor ihren Füßen gespalten; unwillkürlich hoben sich ihre Arme gen Himmel und so stürzte sie auf den Sprechenden zu.

Er streckte ihr abwehrend die Hände entgegen; sonst stand er in unerschütterter Haltung. »Was ich bisher, unter unbeschreiblichen Kämpfen mit mir selbst, in meiner Brust verschlossen habe — aus Scham und von einem Grundsatze ausgehend, der sich als falsch, ja, als unmoralisch erwiesen hat —, ich muß es dir jetzt bekennen. Ich sehe ab von jeder Verteidigung, von jedem beschönigenden Worte;« — die Stimme sank ihm — »ich bin treulos gewesen von dem Augenblicke an, wo ich Käthe zum erstenmal gesehen habe.«

Flora ließ langsam ihre Hände sinken. So unumwunden und zweifellos auch das Geständnis lautete, es war dennoch das Unglaubwürdigste, das sie je gehört. Bah, wie hatte sie sich hinreißen lassen können, ein so kopfloses Erschrecken zu zeigen! Es war wohl oft genug geschehen, daß die gefeierte Flora Mangold Männerherzen unwiderstehlich an sich gezogen und sie dann in Momenten, wo es am wenigsten erwartet wurde, launenhaft und unbarmherzig von sich gestoßen hatte — ach ja, das war zu ihrer innersten Genugthuung so oft geschehen, wie sie Ballsaisons mitgemacht, aber daß ein Mann ihr die Treue brechen könne — lächerlich! Das war zu absurd; das glaubte niemand in der Residenz, und sie selbst am wenigsten. Da lag es doch weit näher, zu denken, daß Doktor Bruck endlich auch einmal den Mut finde, sich zu revanchieren. Sie hatte eben »ihre Feuerprobe« bis an die äußerste Grenze geführt; sie hatte in ihrem wohlbegründeten Verdrusse gedroht, noch wenige Schritte vom Altar ihr »Ja« zurückzuhalten, und das hatte ihn gereizt, hatte seine Langmut erschöpft; er wollte sie strafen, indem er sie eifersüchtig machte. Ihre bodenlose Eitelkeit und Frivolität halfen ihr noch für wenige Augenblicke über die bitterste Täuschung ihres ganzen Lebens hinweg.

Sie verzog ironisch die Lippen und schlug die Arme unter. »Ah, also gleich beim ersten Erblicken!« sagte sie. »War das gleich draußen im Korridor, wo sie nach Handwerksbrauch, den Reisestaub auf den Schuhen, mit dem poetischen Taschentuchbündelchen in der Hand hier ankam?«

Man sah, wie ihr spielender Hohn jeden Blutstropfen in dem Manne empörte; angesichts der furchtbaren Entscheidung, die endlich nach namenlosen Leiden und Kämpfen, durch seine wahre »erste und einzige« Liebe herbeigeführt worden, wurde er lächelnd und frivol ins Gebet genommen wie ein Schulknabe. Er bezwang sich mühsam; die Lösung dieser Lebensfrage mußte noch in dieser Stunde erfolgen, aber daß es nicht in würdeloser Weise geschehe, das war seine Aufgabe.

»Da war ich schon ihr Führer und Begleiter gewesen; in der Mühle habe ich Käthe zuerst gesehen,« versetzte er, nach einem momentanen Ringen mit sich selbst, ziemlich gelassen.

Eine dunkle Röte der Ueberraschung überflog Floras Wangen. Es begann in ihren Augen zu glimmen; sie biß sich auf die Lippen. »Ei, davon erfährt man ja das erste Wort. Und auch die Duckmäuserin mit dem ‚reinen‘ Herzen hat Grund gehabt, diese interessante Begegnung zu verschweigen.« Sie lachte kurz und hart auf. »Nun, und weiter, Bruck?« Die Arme noch fester unter dem Busen kreuzend, stemmte sie den Fuß sichtlich herausfordernd auf den Teppich.

»Wenn du in dem Tone verharrst, dann bleibt mir kein Weg zur Verständigung als der schriftliche.« Er wollte mit allen Zeichen der Entrüstung vor ihr vorübergehen.

Sie vertrat ihm den Weg. »Mein Gott, wie du das tragisch nimmst! Ich bemühe mich ja nur, auf deine kleine Komödie einzugehen. Also in einen Federkrieg willst du dich mit mir einlassen? Lieber Leo, da ziehst du den kürzeren — darauf verlasse dich! — magst du auch noch so viel epochemachende medizinische Broschüren in die Welt geschickt haben.«

Das übermütige Lächeln, das ihre Versicherung begleitete, erstarb ihr auf den Lippen, ein so eisig finsterer Blick begegnete dem ihren. Jetzt dämmerte allmählich die Ahnung in ihr auf, es könne ihm doch wohl Ernst, bitterer Ernst sein — nicht mit seiner fingierten Liebe für »die Jüngste« — die war nun einmal nicht denkbar — wohl aber mit dem Entschlusse, bei aller Leidenschaft für sie, doch lieber in der letzten Stunde noch mit der kapriziösen Braut zu brechen, als sich zeitlebens der »Feuerprobe« zu unterwerfen. Sie bereute ihr Vorgehen, und dennoch siegte der wilde Trotz, der beispiellose Uebermut in ihr.