»So gehe!« sagte sie rasch zur Seite tretend. »Solche Blicke, wie du mir eben zugeworfen hast, vertrage ich nicht. Gehe — ich rühre nicht einen Finger, dich zu halten.« Sie brach in ein schneidendes Hohngelächter aus. »O Männercharakter, viel berühmter und besungener! Es hat eine Zeit gegeben, wo ich fast auf den Knieen um meine Freiheit gebettelt habe; man war würdelos genug, die widerstrebende Braut um so fester in Ketten zu legen. Da sieh und lerne von mir, was in solchen Momenten selbst für ‚die schwache, eitle Frauenseele‘ einzig und allein maßgebend ist: der Stolz —«
»Es war auch Stolz, der mich damals unerbittlich bleiben ließ, unbändiger Stolz, wenn auch ein ganz anderer, als das Gemisch von Trotz und Grimm, das du als solchen bezeichnest,« unterbrach er sie mit maßvoller Ruhe, obgleich die letzte Spur von Farbe aus seinen Wangen gewichen war. »Ich bekenne mich ja dazu, schwer gefehlt zu haben; ich werde dich, wie bereits gesagt, mit keiner Verteidigung behelligen, die andere auch nur entfernt der Mitschuld bezichtigen könnte. ... Der Impuls meiner damaligen Handlungsweise war das Pochen auf die eigene Kraft, auf den Manneswillen, der mit allen Gefühlsausschreitungen der Seele fertig werden müsse, wie ich wähnte. Ich gab dir dein Wort nicht zurück, weil ich gewohnt war, das meine, einmal gegeben, in allen Lebenslagen als unverbrüchlich bis in alle Ewigkeit anzusehen; von dem Standpunkte aus erschien mir unser Verlöbnis so unlösbar wie dem Katholiken die Ehe ... Ich leugne nicht, daß auch der Rest studentischer Ehrbegriffe in mir nachwirkte. An jenem Abende habe ich dir diesen einen Beweggrund ausgesprochen, und ich muß ihn auch jetzt noch einmal betonen: Ich wollte nicht in die Schar derer zurücktreten, die an deinem Siegeswagen gezogen und dann mit Eklat entlassen worden waren; ich wiederhole, daß ich diese Anschauung jetzt als jugendlich unreif verwerfe, weil in solchen Fällen nicht die Ehre des Mannes, sondern die der Frau kompromittiert ist.«
Sie wandte ihm mit einem zornflammenden Blicke den Rücken und ließ ihre Finger in leisem, unregelmäßigem Getrommel auf der Tischplatte spielen. »Ich habe dir nie verschwiegen, daß meine Hand unzähligemal begehrt und erstrebt worden ist, ehe ich mich mit dir verlobte,« sagte sie stolz nachlässig, ohne auch nur den Kopf in der Richtung nach ihm zu bewegen.
»Du so wenig wie alle meine Bekannten,« fiel er ein. »Du darfst aber nicht vergessen, daß du das unnahbare Ideal meiner Jugend gewesen bist. Auf der Universität und noch im letzten Feldzuge hat mich der Gedanke angespornt, daß das stolze Herz der Vielumworbenen sich noch keinem zugeneigt, daß es den hoch beglücken müsse, der es erringe —« Er unterbrach sich — er durfte und wollte sich nicht auf ihre Koketterie beziehen; er verschmähte alle, auch die begründetsten Vorwürfe als Hilfstruppen.
»Und möchtest du dem entgegen behaupten, ich hätte auch nur einen aus dem Troß dieser unvermeidlichen Anbeter geliebt?« brauste sie auf.
»Geliebt? Nein, Flora, keinen von allen — auch mich nicht,« rief er, doch wieder fortgerissen. »Geliebt hast du stets nur die unvergleichliche Schönheit, die gesellschaftliche Tournüre, den vielbewunderten Esprit, den künftigen Ruhm der gefeierten Flora Mangold.«
»Sieh, sieh — die Schmeichelei des Liebenden habe ich stets auf deinen Lippen schmerzlich vermißt; selbst beim bräutlichen Kosen hast du nie einen bezeichnenden Schmeichelnamen für mich gefunden — und jetzt, in der Erbitterung, zeigst du mir ein Spiegelbild, mit welchem ich wohl zufrieden sein kann.«
Er errötete wie ein Mädchen. Es war lange her, daß er den schönen Mund dort nicht mehr geküßt, und doch meinte er, daß es überhaupt geschehen, sei eine Versündigung an der andern, die, rein und unberührt an Leib und Seele, sein Frauenideal erst jetzt verwirklichte. Er entzog unwillkürlich sein Gesicht den Augen, die ihn mit einem heimlich lachenden Ausdrucke fixierten, und sah in den Garten.
Ah, sie hatte ihn im richtigen Moment an schöne Zeiten erinnert — jetzt hatte sie gewonnenes Spiel. »Leo, bist du wirklich zu mir gekommen, um hart mit mir zu verfahren, um mich anzuklagen?« fragte sie, rasch zu ihm tretend — sie legte ihre Hand auf seinen Arm.
»Du vergissest, daß du mich zu dir beschieden hast, Flora,« entgegnete er ernst. »Ich wäre nicht aus eigenem Antriebe gekommen — ich habe oben zwei Kranke; Henriettens Zustand ist gegen Morgen bedenklich geworden; ohne deinen ausdrücklichen Wunsch würde ich sie nicht verlassen haben, so wenig, wie ich in diesen unseligen Tagen voll Angst und namenloser Verwirrung daran gedacht hätte, eine Entscheidung herbeizuführen, wie du sie vorhin provoziert hast.«