»Eine Entscheidung? Weil ich dich in kindischem Trotz und Aerger gehen hieß? ... Geh, wie magst du Mädchenzorn so bitter ernst nehmen!« Das sagte sie, die sonst jede mädchenhafte Regung, als ihres männlich gearteten Geistes unwürdig, verleugnete — mit dieser aalglatt entschlüpfenden Frauenseele war schwer zu rechten.
Dem Doktor stieg das Blut in das Gesicht; sie hatte ihn durch ihre unberechenbaren Einwürfe einen Kreislauf machen lassen — er stand wieder am Ausgangspunkte. »Ich messe dir auch darin die Schuld nicht bei,« antwortete er mit unverkennbar hervorbrechender leidenschaftlicher Ungeduld. »Ich habe mich hinreißen lassen, dir zu gestehen —«
»Ach ja, du sprachst von deinem Manneswillen, der mit allen Gefühlsausschreitungen fertig werden müsse — ist er dir dennoch treulos geworden?«
»Nein, treulos nicht; er hat sich nur einer besseren Ueberzeugung unterwerfen müssen. Flora, ich habe dir gleich zu Anfang gesagt, daß ich bei meiner Weigerung, unser Verlöbnis zu lösen, von einem falschen Grundsatze ausgegangen sei. Ich wußte damals längst, daß nicht eine Spur wahrer, hingebender Liebe für mich in deinem Herzen lebte, und auch ich hatte mit meinem Gefühle für dich vollkommen abgeschlossen, das enthusiastische Bewunderung von der Ferne aus, niemals aber warme, innige Herzensneigung gewesen war — wir hatten beide geirrt. Zwar litt ich schwer unter dem Bewußtsein, einer liebeleeren Zukunft entgegenzugehen, ich, dem die Natur ein liebeheischendes Herz gegeben, der ich mir den eigenen Herd nicht ohne die verklärende Familienliebe denken kann, aber ich fügte mich, und du hast dich noch rascher mit deiner vermeintlichen Nebenbuhlerin, meiner Praxis, abgefunden; du hast die Entfremdung willig sanktioniert, weil sie dir kein inneres Opfer auferlegte.«
Sie schwieg und ihre Augen irrten unwillkürlich über den bestaubten Teppich hin — es war ihr unmöglich, dem Sprechenden in das ernste, von tiefer Erregung beseelte Gesicht hinein zu lügen.
»Und ich klammerte mich um so angstvoller an die Unverletzlichkeit meines Wortes, je treuloser meine Gedanken von dir abirrten —«
»Ah — also doch?«
»Ja, Flora. Ich habe gerungen mit meiner Neigung, wie mit einem erbitterten Todfeinde.« Ein schwerer, gepreßter Atemzug hob seine Brust. »Ich bin vom ersten Augenblick an hart, grausam mit mir selbst und mit dem Mädchen verfahren, das mir diese unbesiegbare Neigung einflößte. Ich habe jede, auch die unschuldigste Annäherung streng von mir gewiesen — nicht einmal die Blumen, die sie in der Hand gehalten und achtlos vergessen hatte, litt ich in meinem Zimmer. Sie war gern in meinem Hause, und ich wehrte diesem Verkehre, als ob sie mir einen Feuerbrand unter das Dach trage; ich war kalt, unhöflich ihr in das Gesicht hinein, das mich doch entzückte wie noch nie ein Menschenantlitz —«
»Mein Gott, ja — man begreift das! Entzückend für das Auge des Arztes, gesund und rund und weiß und rot, als habe die Natur den Tüncherpinsel dazu genommen.« Mit diesen Worten wich die Erstarrung, die über die atemlos horchende Frauengestalt gekommen war — sie preßte die geballte Rechte heftig gegen die Brust. »Und ein solches Bekenntnis wagst du mir gegenüber? Wie, Blumen wirft diese naive Jugend in das Zimmer der Männer, die sie kirren will —«
»Still!« er hob die Hand mit jenem gebieterisch zwingenden Blicke, der stets selbst diesen Mund verstummen machte. »Mich überschütte mit Vorwürfen — ich will sie widerstandslos über mich ergehen lassen, vor Käthe aber stehe ich in Wehr und Waffen. Sie hat meine Liebe für sich niemals angefacht; sie ist nach Dresden zurückgekehrt und hat nicht gewußt, wie es um mich, wie es um — sie selbst steht. Weshalb sie damals gegangen, das weißt du am besten. Während man sie von einer Seite drängte, eine Ehe ohne Liebe einzugehen, wurde ihr von der andern erschreckend deutlich nahegelegt, daß sie ihr Zimmer zu räumen und einem hochgeborenen Besuche Platz zu machen habe. Ich war Zeuge dieser unverblümten Ausweisung; um ein Haar hätte ich mich damals vergessen und der Frau Präsidentin Worte der Erbitterung gesagt, und doch, als die indirekte Aufforderung an mich erging, die Ueberzählige in mein Heim aufzunehmen, da hatte auch ich keinen Raum für sie; ja, sie mußte eine Stunde später vor meinem Hause, wenn auch ohne mein Wissen, mit anhören, wie ich meine Tante ersuchte, den Verkehr mit ihr abzubrechen, solange ich noch aus- und eingehe. Und da ist sie gegangen, tiefverletzt in ihrem stolzen, festen und doch so weichen Gemüte, und ich war barbarisch, nein, unmoralisch genug, um eines falschen Prinzips, um eines thönernen Götzen willen, der gewisse Ehrbegriffe repräsentiert, in der großen Lüge zu beharren, die ich ihr, mir selbst und der ganzen Welt glaubwürdig zu machen suchte.«