Wie überwältigt von seiner eigenen Schilderung schwieg er sekundenlang; Flora warf sich über das Ruhebett hin und preßte den Kopf zwischen ihre schmalen Hände, als wolle sie nichts mehr hören, aber er fuhr fort: »Ich ließ sie erbarmungslos gehen; ich atmete auf — nun sollte es besser gehen mit mir und meiner inneren Qual — thöricht, thöricht! Ich sah nicht, wie in demselben Augenblicke, wo sie hinter dem Ufergebüsche verschwand, ein Dämon an mich herankroch, der sich festklammerte — es war nicht die Ueberbürdung meiner Praxis, was mich hohlwangig und der Geselligkeit gegenüber finster und feindselig machte — in der angestrengten Arbeit und Thätigkeit bin ich stets freudig und thatkräftig geblieben — es war die Sehnsucht, die sich von Tag zu Tag steigerte.«
Er hatte den Fensterbogen verlassen und durchmaß das Zimmer in sichtlichem inneren Aufruhre, und jetzt erhob sich Flora wieder wie mit einem gewaltsamen Rucke und schüttelte das nach vorn gefallene Lockengeringel wild aus der Stirn.
»Um Käthes willen?« rief sie bitter auflachend. »Möchte doch der Papa jetzt sehen, welch richtiger Instinkt seine Erstgeborene geleitet hat, als sie sich weigerte, die Schloßmüllerstochter Mama zu nennen, als sie seiner neugeborenen Jüngsten den Rücken wandte, weil sie ja schon zwei richtige Schwestern habe und kein Stiefschwesterchen wolle! Und es ist kein falscher Grundsatz gewesen, der dir bisher zur Richtschnur gedient hat — nein. Wie viel tausend ‚große Lügen‘ um dieses Prinzipes willen beseelen und regieren das Menschengetriebe, und die sie siegreich durchführen, wird man bis in alle Ewigkeit respektabel und ehrenhaft nennen —«
»Ich habe mir gelobt, das Vergangene bei dieser Entscheidung nicht zu berühren,« unterbrach er sie, stehen bleibend, mit bebender Stimme, aber offenbar entschlossen, der Sache ein Ende zu machen, »und doch zwingst du mich, auf jenen Auftritt zwischen dir und mir zurückzukommen, der nach dem Attentate im Walde erfolgte. Ich habe mir damals von meiner Braut in das Gesicht sagen lassen, daß sie mich hasse oder vielmehr verachte, weil mich ein Mißgeschick zu verhindern schien, die Berühmtheit zu werden, mit der sie sich zu verloben geglaubt hatte. Ich habe tags darauf die beispiellose Thatsache erlebt, daß sich dieser Haß mittels meiner Ernennung zum fürstlichen Hofrate sofort in die innigste Zuneigung verwandelte, und habe schweigend, mit verbissener Verachtung mein Joch weiter geschleppt, weil ich eben ‚respektabel und ehrenhaft‘ bleiben wollte. Und ich hätte auch diese abscheuliche Lüge zu Ende geführt, wären wir zwei allein die Betreffenden geblieben, wäre nur mir die Marter eines verödeten Lebens aufgebürdet gewesen. Ich möchte die drei Menschenherzen, um die es sich handelt, vor die große Schiedsrichterin, die Moral, hinstellen: das eine, das sich zu dem ‚Ja‘ am Altare nur herbeiläßt, weil es ihm zu einer lebhaft gewünschten äußeren Lebensstellung verhilft, und die beiden anderen, die sich der heiligen Mission plötzlich bewußt werden, in wahrer, inniger Liebe sich zu ergänzen, die in gleichem Schlage zu einander gehören, ob sie auch bis nach den entgegengesetzten Polen auseinander gedrängt würden —«
Ein halberstickter Schrei unterbrach ihn. »Hat sie es wirklich gewagt, das heuchlerische Geschöpf, ihre Augen zu dem Verlobten ihrer Schwester zu erheben? Sie hat dir ihre verbrecherische Liebe eingestanden?«
Er maß sie einen Moment mit flammenden Augen, in sprachlosem Zorne. »Und wenn du auch vor den schlimmsten Bezeichnungen nicht zurückschrickst, du kannst diesen fleckenlosen Mädchencharakter doch nicht verunglimpfen,« sagte er gepreßt. »Ich habe seit jenem Abschied kein Wort wieder von ihren Lippen gehört; auch in dieser Nacht nicht, wo sie endlich die Augen mit zurückkehrendem Bewußtsein wieder aufschlug. Sie ist gestern zurückgekommen und ich habe es nicht gewußt. Ich war vor dem Polterabendlärm, der selbst an jedem Krankenbett erwähnt und erörtert wurde, in meinen einsamen Garten geflüchtet — und da sah ich sie plötzlich an der Brücke stehen, eine Verbannte, die sich nicht über den Holzbogen wagte, weil mein hartes Wort sie hinausgestoßen hatte.« Er verstummte und eine dunkle Glut überströmte sein Gesicht; nun und nimmer sprach er es vor diesen Ohren aus, wie ihm mit jenem Anblick die »himmelhochjauchzende« Ueberzeugung gekommen sei, daß das weinende Mädchen dort ihn liebe.
»Ich habe sie dann, nach dem furchtbaren Ereignis, im Parke gesucht,« fuhr er fort, sich gewaltsam in eine ruhigere Redeweise zwingend; »und als ich sie vom Boden aufnahm, da sagte ich mir, daß der Tod an diesem schwachatmenden Leben nur vorübergegangen sei, damit ich doch noch glücklich werden solle. Da riß ich mich los von allen Banden des Herkommens und einer zweifelhaften Ehrenverpflichtung; ich stellte mich über das Basengeschwätz der medisierenden Welt und verzichtete auf den Ehrentitel eines ‚respektabeln‘ Heuchlers.«
Schon während seiner ganzen letzten Schilderung hatte sich Floras Haltung verändert; sie hatte verspielt — es war alles aus, und sie wäre nicht das intrigante Weib mit dem scharfen Blick und dem kalt berechnenden Geist gewesen, wenn sie sich nicht auch sofort dieser Situation zu bemächtigen gewußt hätte. Das trotzig Gespannte in ihrer Gestalt wandelte sich unter den Augen des sprechenden Mannes in die weiche Gliedergeschmeidigkeit der Katze. Mit fliegenden Händen zog sie das verschobene Morgenhäubchen über die Locke, und während sie die Spitzenbarben unter dem Kinn ineinander schlang, sah sie mit einem wahrhaft satanischen Lächeln unter den tiefgesenkten Brauen empor und sagte, alle ihre scharfen, blitzenden Zähne zeigend, mit Bezug auf seine letzten Worte: »Wie, ohne mich zu fragen, mein Herr Doktor? Nun, immerhin! Im Hinblick auf die eben gehörten naiven Geständnisse fragte ich mich, nicht ohne ein befreites Aufatmen: ‚Was hätte aus dir werden sollen an der Seite eines solchen Gefühlsschwärmers!‘ Und drum ist's gut so, ganz gut so für uns beide, wie es gekommen. Ich gebe dir dein Wort zurück, allerdings nur ungefähr so, wie man einen Vogel am Faden fliegen läßt, dessen eines Ende man fest um — den Finger wickelt.« Sie tippte, abermals scharf lächelnd, mit der feinen Fingerspitze auf den Verlobungsring an ihrer Hand. »Freie um die erste beste junge Dame der Residenz — und sei es eine meiner glühendsten Neiderinnen, wie ich ja deren genug habe — und ich will den Reifen in ihre Hand legen; nur Käthe nicht, absolut nicht! Hörst du? Und wenn du mit ihr über das Meer flüchten oder an den entlegensten Dorfkirchenaltar treten wolltest: ich würde im richtigen Moment da sein, um Einspruch zu thun.«
»Gott sei Dank, dazu hast du nicht die Macht,« sagte er totenbleich und tiefatmend.
»Meinst du? Daß du niemals nach deinem Wunsch und Sinn glücklich wirst, dafür lasse mich sorgen, Treuloser, Erbärmlicher, der ein stolzes Blumenbeet zertritt, um — eine Gänseblume zu pflücken! Du wirst von mir hören.«