Im Souterrain aber, dem Aufenthalte der Lakaien und der Küchenbedienung, herrschte an dem Tage, welcher der lange erwartete und lange vorbereitete Hochzeitstag hatte sein sollen, eine Verwirrung, eine Auflösung alles Bestehenden, wie sie nur ein Haufen fluchtbereiter Menschen hervorbringen kann. Dort unten hatten die von der Stadt herdringenden Gerüchte bombenartig eingeschlagen, um so mehr, als schon am ersten Morgen nach dem Unglück einige Scharfsichtige unter den Leuten scheu und versteckt darauf angespielt hatten, daß möglicherweise »doch nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei«. Nun erwartete man jeden Augenblick die Gerichtskommission in das Haus treten zu sehen — ein jedes griff nach dem Seinigen, und dabei wurden in der offenstehenden Speisekammer die langen Tafeln voll Kuchen und Torten geplündert und die Bowlen ausgetrunken, die für den Polterabend bestimmt gewesen waren.

Und von dieser Region aus kamen auch der Frau Präsidentin Urach die ersten bestürzenden Anzeichen, daß ihr Regiment in der Villa Baumgarten auch von anderen als beendet angesehen werde. Während sonst auf ihren ersten Klingelzug die Betreffenden herbeigestürzt waren, mußte sie wiederholt schellen, ja, sich zum Rufen bequemen; sie hörte, wie draußen ihr Löwenhündchen, das die Dienerhände bisher als den Abgott der Herrin kajoliert und gehätschelt hatten, unter einem Fußtritte aufschrie — und die Augen, die sie bis jetzt nur in scheuer Ehrfurcht niedergeschlagen gekannt hatte, sahen wie herausfordernd in ihr strenges Gesicht.

Von dieser Wandlung der äußeren Verhältnisse wurden die Bewohner der Bel-Etage nicht berührt. Henriette hatte sich stets gütig und nachsichtsvoll gezeigt — für die Dienerschaft war die kleine, gebrechliche Gestalt immer ein dem Tode geweihtes Kind gewesen; man war gewöhnt, in ihrer Nähe lautlos auf den Zehenspitzen zu gehen und nur mit sanft gedämpfter Stimme zu ihr zu reden, und in diesen Rücksichten erschöpfte man sich heute doppelt, da ja »der Herr Hofrat« gesagt hatte, daß es bedenklich um die Kranke stehe.

Ja, sie lag droben im Wohnzimmer, fast nur noch kenntlich an den wunderschönen blauen Augen — wunschlos und willig den lebensmüden Leib der dunkeln Gewalt endlich überlassend, die ihr seit Jahren, Schritt für Schritt, auf den Fersen gefolgt. Sie war sich vollkommen bewußt, daß sie sterben müsse; sie hatte alle schreienden Farben, mit denen sie sich stets einen Schein von Gesundheit und Jugendblüte zu erborgen gesucht, nunmehr mit Abscheu von sich gewiesen. Wie in Schnee gebettet lag sie in den weißen Kissen und Decken, unter der weich herabfließenden Mullgardine. Es blieb ihr erspart, den flüchtigen Fuß von der heimischen Schwelle zu wenden und, Floras Programm gemäß, in der Schloßmühle ein Asyl zu suchen. Sie ging, noch ehe das Gericht im Namen der geängstigten Gläubiger seine Hand auf die Reste eines in alle Lüfte zerstobenen märchenhaften Reichtums legte; sie ging, ohne noch hören zu müssen, daß das Brandmal eines schweren Verbrechens das Andenken ihres Schwagers verunehre, dessen fürchterliches Ende auch zugleich die schwache Wurzel zerrissen hatte, mit welcher sich das zarte, so lange angefeindete Mädchendasein noch an die Erde festgeklammert .... Und was sie stets so heiß gewünscht, es erfüllte sich nun doch noch: sie wurde bis zum letzten Atemzuge von den Augen ihres Arztes behütet; er hatte ihr gesagt, daß er bei ihr bleiben und nach L.....g nicht eher gehen werde, als bis es »besser um sie stehe«. Nun war sie wieder so unaussprechlich glücklich, wie sie es im Fremdenzimmer der Tante Diakonus gewesen: Doktor Bruck pflegte sie, und ihm zur Seite stand Käthe — die beiden Menschen, die sie auf Erden am meisten geliebt hatte.

Käthe erholte sich rasch. Schon am Nachmittag des zweiten Tages war sie aufgestanden. Die schmale, um den Kopf gelegte Binde und die über den Rücken hinabhängenden Flechten, die ihrer Schwere wegen nicht über der Stirn liegen durften, erinnerten daran, daß sie Rekonvaleszentin sei, sonst aber hätte wohl niemand geahnt, daß der fürchterliche Stoß der Explosion diese schlanke Mädchengestalt weithin geschleudert und mit erstickenden Wassermassen überschüttet habe, daß sie verloren gewesen wäre, wenn nicht das Auge der Liebe sie gesucht. Ihre Haltung war kraftbewußt und energisch wie vorher, und die ihr eigene Sammlung und Sicherheit in ihr ganzes äußeres Wesen zurückgekehrt, wenn es auch stürmisch genug in ihrer Seele aussah. Neben dem tiefen Leid um die sterbende Schwester, um Römers tragisches Ende, drängte sich ihr die furchtbare Gewißheit auf, daß ihr Schwager und Vormund bei dem grauenhaften Vorgang nicht ohne Schuld gewesen sei — auf eine derartige Andeutung, die sie angstvoll gegen Doktor Bruck gemacht, hatte er nicht vermocht »nein« zu sagen. Er war still und schweigsam wie immer. Das erheischte schon Henriettens Zustand, aber es lag etwas eigentümlich Feierliches in dieser Verschlossenheit, von welcher auch die Tante Diakonus angesteckt zu sein schien.

Die alte Frau war in den Nachmittagsstunden des ersten Tages, nach einer leise geführten Unterredung mit dem Doktor, verweint und doch unverkennbar freudig bestürzt aus dem Kabinett gekommen, das an Henriettens Schlafzimmer stieß, und hatte sich dann verabschiedet, um Betten und Möbel aus dem Hause am Flusse in die Stadtwohnung des Doktors schaffen zu lassen, wohin sie einstweilen mit ihrer Freundin übersiedeln sollte, bis die Reparaturen an dem verwüsteten Doktorhause vollendet seien. Sie hatte mit keinem Laute verraten, was in ihr vorgehe, aber sie hatte die Villa verlassen, um nur dann und wann, Henriettens wegen, für einige flüchtige Augenblicke vorzusprechen, wobei sie augenscheinlich bestrebt war, einer Begegnung mit Flora auszuweichen.

Die schöne Braut war auch nur ein einziges Mal in der Bel-Etage erschienen, um nach der Schwerkranken zu sehen, just zu der Zeit, wo sich Doktor Bruck infolge einer dringenden Aufforderung zum Fürsten begeben hatte. Es war zu sonderbar und verletzend, daß sie, Henriettens Salon passierend, an Käthes Lager vorüberschritt, als sei dort, wo sich die verwundete Schwester zu ihrer Begrüßung aufrichtete, die leere Wand. Sie hatte keinen Blick, kein Wort für »die Jüngste« und vermied es, durch den Salon zurückzukehren, indem sie sich von der Kammerjungfer die direkt in den Korridor führende Thür des Schlafzimmers aufschließen ließ. Zu alledem berichtete Nanni mit zweideutiger Miene, daß das gnädige Fräulein drunten sich zur schleunigen Abreise rüste.

Es war Käthe so schwer beängstigend zu Mute, als starrten sie aus allen Zimmerecken dunkle Rätsel an; sie wähnte den Plafond, selbst den Himmel über ihrem Haupte nicht mehr sicher, weil alles Bestehende der stattgehabten entsetzlichen Erschütterung nachstürzen müsse.

Einigemal im Laufe des Tages kam auch die Präsidentin herauf, eine schwarze Krepphaube über dem verstörten Gesichte, und treulos verlassen von der kühlen, stolzen Ruhe eines wohlgeschulten Geistes, der sich, wie sie stets behauptet, gerade in schlimmen Lebenslagen am glänzendsten bewähren müsse. Sie hatte nur Thränen und ein krampfhaftes Händeringen für die »fürchterliche Situation«, in welche mit einem Schlage alle Bewohner der Villa geschleudert waren. Die erschöpfte Kranke atmete stets auf, wenn der letzte Zipfel des schwarzen Wollkleides der Großmama hinter der Thür verschwand.