Es war am Morgen des dritten Tages nach dem Ereignisse, als die alte Dame plötzlich die Thür des roten Studierzimmers aufriß und, ein Zeitungsblatt in der Hand, über die Schwelle wankte. Flora war eben beschäftigt, Etiketten für ihre Effekten zu schreiben; sie erhob sich und trat ahnungsvoll auf die Großmama zu, die in einen Armstuhl sank.

»Meine viertausend Thaler!« stöhnte sie. »Kind, Kind, ich bin von Schurken betrogen um mein bißchen Hab und Gut, um das kärgliche Erbe, das mir der Großpapa hinterlassen hat ... Meine viertausend Thaler, die ich behütet habe wie meinen Augapfel —«

»Nein, Großmama, bleibe bei der Wahrheit, sage lieber, deine viertausend Thaler, mit denen du allzu sanguinisch und leichtgläubig spekuliert hast!« fiel Flora in unerbittlichem, hart strafendem Tone ein. »Wie habe ich dich gewarnt! Aber da wurde ich ausgelacht und verhöhnt, weil ich meine wohlgesicherten Staatspapiere nicht auch ‚mitarbeiten‘ ließ. Das Etablissement, bei welchem du dich beteiligt, hat falliert?«

»Eklatant! Schurkisch! Da lies! Ich glaube, nicht fünfzig Thaler bleiben mir,« rief die Präsidentin mit brechender Stimme und schlug die Hände vor das Gesicht. »Nur eines fasse ich nicht,« fuhr sie, wieder emporschreckend, fort, während Flora die bezügliche Nachricht überflog, »das Blatt bezieht sich auf frühere Mitteilungen; der Sturz muß demnach schon vor cirka vier bis fünf Tagen erfolgt sein — und Moritz hat nichts davon gewußt — unbegreiflich.«

»Sollte das nicht mit dem ausgebliebenen Börsenblatte zusammenhängen?«

»Ah — du meinst, unser armer Moritz hat mir während der Hochzeitsfeier den Schreck ersparen wollen und das Blatt konfisziert? Ach, ja — jedenfalls! Und er hätte mir auch den Schaden ersetzt, ich weiß es — war er es doch selbst, der mir die Sache eingeredet hat ... O mein Gott, das ist ein Gedanke von oben. Nötigenfalls kann ich's beschwören, daß Moritz mich zu dem Unternehmen verleitet hat. Wie — sollte ich nicht daraufhin doch vielleicht Anspruch auf Ersatz aus der Erbschaftsmasse haben?«

Flora warf die Zeitung auf den Tisch; sie, die in allen Fällen rücksichtslos Vorgehende, war doch einen Augenblick in Verlegenheit, wie sie ihre Worte, diesen unzerstörbaren Illusionen gegenüber, zu wählen habe. Sie hatte bis zur Stunde geschwiegen, voraussetzend, daß sehr bald einer der guten Freunde die Mission der Aufklärung übernehmen werde, aber die guten Freunde waren ja schon gestern ausgeblieben; es ließ sich keiner mehr blicken — und und nun mußte sie es selbst thun; sie durfte doch nicht zugeben, daß sich ihre Großmama mit dieser beispiellosen Zuversicht und Harmlosigkeit vor aller Welt blamiere.

»Großmama,« sagte sie mit gedämpfter Stimme und legte die Hand auf den Arm der alten Dame, »es fragt sich vor allen Dingen, wie hoch sich diese Erbschaftsmasse beziffern wird.«

»O Kind, sieh dich um, sieh nur zum Fenster hinaus, und du wirst wissen, daß man den Abzug meiner viertausend Thaler an dem Nachlasse kaum merken wird. Mag auch das ungeheure Kapitalvermögen, mit welchem Moritz operierte, unwiederbringlich verloren sein, weil alle darauf bezüglichen Bücher und Dokumente vernichtet sind, die Liegenschaften und anderen Wertobjekte, die er hinterlassen, repräsentieren immer noch einen Besitz, den man reich, ja glänzend nennen darf.« — Ein tiefer, schmerzlicher Seufzer hob ihre Brust. »Ich wollte Gott danken, wenn ich den unbestrittenen Anspruch an diese Erbschaft hätte.«

Flora zuckte die Achseln. »Wer weiß, ob du sie antreten würdest —«