Die Präsidentin fuhr empor. »Bist du toll, Flora? So schwach ich auf meinen Füßen bin, ich wollte stundenweit laufen, ich wollte wochenlang hungern und dursten und kein Auge schließen, wenn ich mir dadurch die Ansprüche der Universalerbin erringen könnte. — Sollte man es glauben, daß das Geschick so teuflisch, so grausam ironisch sein könnte? Ich, ich in meiner Stellung, muß mich hinausstoßen lassen aus dem Hause, das seinen Glanz, sein aristokratisches Air mir einzig und allein verdankt, und sie, eine ganz obskure, alte Person, die jetzt noch ahnungslos altes Leinen für Fremde flickt, die es ihr Leben lang nicht besser gewußt und gehabt hat, sie wird sich hier breit machen.«

»Darüber brauchst du dich nicht zu alterieren, Großmama — die alte Tante am Rhein erbt so wenig wie du —«

»Ah, so treten doch noch andere Erben auf?«

»Ja — die Gläubiger.«

Die Präsidentin taumelte unter einem scharfen Aufkreischen in den Armstuhl zurück.

»Still! Ich bitte dich, mache keine Szene!« murmelte Flora. »Drunten im Souterrain gibt es Leute, die das noch viel besser wissen als ich; sie sind im Begriff, das Haus zu verlassen, wie die Ratten das sinkende Schiff. Ich kann und darf es dir nicht länger verschweigen, wie die Sachen stehen. Jetzt heißt es au fait sein, wenn wir uns, als die Düpierten, nicht unsterblich lächerlich machen wollen.« — Sie zog die schwarze Kreppwolke um Kinn und Hals der alten Dame in die gehörige Faltenordnung und steckte die mit einer einzigen wilden Handbewegung völlig zerstörten weißen Lockenpuffen wieder auf. »So darf dich niemand sehen, Großmama,« sagte sie streng. »Wir müssen uns so rasch wie möglich mit Haltung und Ruhe aus der Affaire ziehen — sie ist zu gemein und entehrend; darüber waltet kein Zweifel mehr, daß die Explosion ein Verzweiflungsakt — auf deutsch gesagt: ein Schurkenstreich — von seiten Römers gewesen ist.«

»Der Elende! Der infame Betrüger!« schrie die Präsidentin aufspringend — die wahnsinnige Aufregung ließ sie plötzlich im Zimmer hin- und herlaufen, als sei ihr ein Räderwerk in die schwachen Füße gekommen.

Flora deutete nach dem einen Fenster, vor dessen zerschlagenen Scheiben keine schützende Jalousie lag. »Bedenke, daß man dich draußen hört!« warnte sie. »Seit dem Morgengrauen schleichen Geschäftsleute um das Haus; die Aufregung in der Stadt soll grenzenlos sein; es sind Leute, welche die Angst um ihr Geld aus den Federn getrieben hat. Was wir während des letzten halben Jahres in unserer großen Wirtschaft gebraucht haben, steht noch in den Büchern der Lieferanten. Der Fleischer hat sich sogar in das Haus hereingewagt und in dreister Weise gefordert, daß man dich wecken möchte, er habe mit dir zu reden. Jedenfalls will er versuchen, von dir, weil du dem Haushalte vorgestanden, die ihm schuldigen sechshundert Thaler zu erpressen, ehe die Gerichte einschreiten. Er ist frech genug gewesen, meiner Jungfer zu sagen, die Damen des Kommerzienrates hätten ja auch mitgegessen.«

»Pfui, in welchen Sumpf hat uns jener erbärmliche Wicht gelockt, um sich dann feig aus dem Staube zu machen!« rief die Präsidentin, halb erstickt vor Grimm und Erbitterung, und zog sich instinktmäßig von dem offenen Fenster zurück. Sie rang die Hände. »Gott im Himmel, welche entsetzliche Lage! Was nun thun?«