»Vor allen Dingen einpacken, was uns mit Fug und Recht gehört, und das Haus räumen, wenn wir nicht wollen, daß unser Eigentum mit versiegelt werde; da könnten wir wohl lange warten, bis es uns zurückgegeben würde. Ich bin eben im Begriff, hinaufzugehen und meinen« — sie unterbrach sich mit einem schneidenden Lachen — »meinen Trousseau in Kisten und Koffer zu bringen. Dann will ich mit den Leuten das Hausinventar aufnehmen, und wenn du nicht selbst die Uebergabe vollziehen willst —«

»Nun und nimmermehr —«

»Dann mag es die Wirtschaftsmamsell thun; wir haben Grund genug, krank zu sein.« Sie nahm den Schlüssel zu dem Zimmer, in welchem der Trousseau aufgestellt war, aus ihrem Schreibtisch, während die Präsidentin mit verzweifelnd gen Himmel gehobenen Armen davonstürzte, um das Ihrige vor den Gerichtssiegeln in Sicherheit zu bringen.


27.

Ueber den Baumwipfeln des Parkes wehte die Morgenluft und zog durch das weit offene Fenster; sie trug ein traumhaftes, halbverlorenes Wasserrauschen vom fernen Fluß her in die Kirchenstille des Schlafzimmers und hauchte das weiße Gesicht der schlummernden Kranken mit Reseda- und Levkojendüften an. Und das rote wilde Weinlaub, das draußen den Fensterrahmen umkränzte, bebte im leisen, samtweichen Zugwind; es sah aus, als habe er die dreifingerigen Purpurblätter im Vorüberstreifen gepflückt und über die weiße Bettdecke und das gelöste aschblonde Haar hin verstreut und die blassen Hände in das kühle Laub wohlig vergraben. Henriette hatte sich die Blätter pflücken lassen, »als letzte Grüße des Sommers, der sich nun auch zur Wanderschaft anschicke«.

Käthe saß am Bett und behütete den Schlaf der Schwester. Sie hatte selbst das dreist herbeifliegende Rotschwänzchen, das gewohnt war, Kuchenkrümchen auf dem Fenstersims zu finden, mit einer angstvollen Handbewegung fortgescheucht; sein zartes Gezwitscher klang fast erschreckend in das bange Schweigen, das dem Ohr jeden schwachen Atemzug hörbar machte, unter welchem sich die schmale Brust der Kranken in beängstigend langen Zwischenräumen hob. Doktor Bruck hatte seine Patientin für eine halbe Stunde verlassen müssen; der Fürst bestand darauf, den Arzt, der ihn nach so vielen fehlgeschlagenen Kuren in kurzer Zeit vollkommen hergestellt hatte, bis zu dessen Abreise als Berater täglich zu empfangen. Und so war Bruck gegangen, die günstige Schlummerstunde benutzend, wo Henriette ihn nicht vermißte.

Die Kammerjungfer hatte sich mit einer Näharbeit hinter die Bettgardine postiert, um nötigenfalls bei der Hand zu sein; sie sah dann und wann verstohlen zu dem regungslosen jungen Mädchen dort im Armstuhl hinüber. Drunten im Souterrain hatten sie vorhin davon gesprochen, daß »das Fräulein aus der Mühle« bei »dem Streich des gnädigen Herrn« am schlimmsten wegkomme, und sie meinte nun, ein Menschenkind, dem eben eine halbe Million aus der Hand geschlüpft sei, müsse doch ganz anders verzweifelt aussehen als die junge Dame, die, den Verband über der Stirn und ihre schönen Glieder in ein weiches, weißes Morgenkleid gehüllt, traurig ernst, aber still gefaßt, wie eine Statue in ihrer aufmerksam beobachtenden Stellung verharrte. »So jung und so gesetzt, so frischblühend und lebenstrotzend, und doch so wenig für die Welt und alle ihre guten Dinge!« meinte die Beobachterin in ihren Zofengedanken weiter — da war die schöne Dame klüger, die jetzt drüben ihren Trousseau einpackte; sie brachte vor allen Dingen ihre Sachen in Sicherheit; sie hetzte ihre Jungfer treppauf, treppab nach jedem Taschentuch, das sich in die Hauswäsche verirrt hatte und mit gepackt werden sollte — sie wollte nichts, auch gar nichts verlieren. Und so schlau und energisch hatte sie immer für sich gesorgt, und drum war sie auch die Reiche, »der kein Härchen gekrümmt wurde«, in der Familie geblieben. Nun reiste sie mit ihren Koffern und Kisten dem Bräutigam voraus nach L.....g und ging allen Schrecknissen, die jeden Augenblick über die Villa hereinbrechen konnten, aus dem Wege. Man hätte sich zu Tode ärgern mögen, daß ihr auch alles glückte, was sie durchsetzen wollte; sie durfte sich alles erlauben, und die ganze Welt hieß es gut und recht. Und jetzt wurde auch noch im Trousseauzimmer so laut gepoltert, daß die Kranke aus dem Schlafe aufschreckte.