Nein, es waren keine Nichtigkeiten, was »die hinreißend schöne Form« umschloß, es war ein Frauencharakter voll teuflischer Bosheit. Flora hatte um Brucks Liebe für sie gewußt, jedenfalls durch sein eigenes Geständnis — welch eine niederträchtige Intrigue! Die Betrogene hatte den Ring in der Tasche; sie hatte ihn um jeden Preis erkauft; sie hatte selbst jeden listigen Einwurf der ränkevollen Schwester bekämpft und ihr Wort verpfändet, sogar auf die Möglichkeit hin, daß Bruck ihre Hand begehren könne. Die Augen des jungen Mädchens irrten verzweiflungsvoll über den gestirnten Himmel. Sie wußte, Flora gab ihr das Wort nicht zurück, und wenn sie sich in qualvoller Bitte zu ihren Füßen die Kniee wund rieb; sie wußte, daß sie und Bruck in den Augen aller verfemt sein würden; denn niemand hatte einen vorurteilslosen Einblick in die Sachlage. Es bedurfte nicht einmal Floras glänzender Beredsamkeit, die Welt zu überzeugen, daß sie die Hintergangene sei, der die jüngere Schwester den Verlobten weggelockt habe, und daß Flora diese Beleuchtung wählen werde, das stand fest wie der Himmel da droben. Wie sie flimmerten, die kreisenden Sternbilder! Auf welchen dieser goldenen Himmelsfunken hatten die rosig durchhauchten Abendlüfte den erlösten Geist der Schwester getragen? Sah sie jetzt zurück? Sah sie, wie das Glück des geliebten Mannes in Trümmer ging?
»Sie sind so still, Käthe. In Ihrer Seelenhoheit weisen Sie mich schweigend in die Schranken; ich hätte heute nicht sprechen sollen,« hob er wieder an. »So will ich auch jetzt nicht weiter in Sie dringen. Ich verhehle mir nicht, daß meine Bitten und Wünsche mit schweren Bedenken in Ihrer Seele kämpfen müssen; denn sonst wären Sie nicht die peinlich gerechte, die ehrliche Käthe, die Sie sind, aber ich werde mein ersehntes Ziel erreichen, ohne daß ich zur stürmischen Ueberredung greifen muß — das weiß ich auch. Ich lasse Ihnen Zeit zur Prüfung und zur Ueberwindung des tiefen Schmerzes, der Sie jetzt erfüllt und in allem, was Sie denken und fühlen, mitspricht. Ich gehe jetzt unbeglückt, aber — ich komme wieder. Und nun wollen wir nach der Mühle gehen. Geben Sie mir getrost Ihren Arm! Ein Bruder kann seine Schwester nicht selbstloser führen, als ich in diesem Augenblicke an Ihrer Seite gehe. Sie könnten sich ebenso ruhig mir und meiner Tante anschließen, wenn wir unsere Reise nach L.....g antreten.«
»Ich kehre nicht nach Sachsen zurück,« sagte sie. Sie hatte ihre Hand auf seinen Arm gelegt, und nun durchschritten sie die Allee. Ein Gefühl von tödlicher Erstarrung durchschlich die Glieder des Mädchens, und es war, als krieche es auch lähmend an das wildklopfende Herz und hauche die Stimme an, die so fremd, so hart und klanglos aus der Brust kam. »Ich habe schon bei meiner letzten Anwesenheit in Dresden gefühlt, daß mir, so wie es jetzt in meinem Innern aussieht, mit dem ausschließlichen Versenken in das Sprachstudium und die Musik, mit der Besorgung kleiner Hausgeschäfte und dergleichen nicht geholfen ist — ich muß einen Wirkungskreis haben, der tüchtige, anstrengende Arbeit Tag für Tag von mir fordert. Bis vor wenigen Tagen noch zögerte ich, dieses Vorhaben auszusprechen; denn ich wußte, daß das erste Wort eine Reihe von Kämpfen mit meinem Vormunde einleiten würde — der ‚Goldfisch‘ hatte ja bereits seinen Beruf, den, mit tadellosem Schick seine Revenüen zu verbrauchen. Das ist nun alles aus. Der gefürchtete Geldschrank existiert nicht mehr, oder eigentlich, sein papierener Inhalt ist schon wertlos gewesen, ehe er zertrümmert in die Luft geschleudert wurde — das ist mir zur unumstößlichen Gewißheit geworden, seit mir Nanni heute nachmittag zuflüsterte, daß man drunten versiegele. Nicht wahr, meine vielen Hunderttausende existieren nicht mehr?«
»Ich glaube schwerlich, daß sich etwas retten läßt —«
»Aber meine Mühle habe ich noch — und da will ich bleiben. Vielleicht erregt es Ihre ernstliche Mißbilligung, wenn ich Ihnen sage, daß ich von nun an mein Eigentum selbst verwalten will; denn es sieht nach Emanzipation aus, wenn ein junges Mädchen als Inhaberin einer Firma selbständig hervortritt.«
»So falsch urteile ich nicht; ich befürworte sogar warm diese Art von Selbständigkeit der Frauen; ich weiß auch, daß Sie mit Ihrer Kraft und Energie sofort im richtigen Fahrwasser sein würden, aber das ist nicht Ihre Bestimmung, Käthe. Sie sind berufen, ein Familienglück zu begründen, nicht aber, den Kopf voll Zahlen und Berechnungen, ‚Tag für Tag‘, einsam am Geschäftspulte zu stehen. Fangen Sie lieber gar nicht an! Denn eines Tages wird man Sie wegholen und nicht danach fragen, wo Sie in den Büchern gerade mit Ihrem Soll und Haben stehen, und das könnte eine schlimme Verwirrung geben.«
Wäre nur ein einziger intensiv beleuchtender Strahl des Sternenlichtes in das Dunkle der Allee gefallen, dann hätte der Sprechende schon von diesem Augenblicke an das Mädchen nicht mehr von seiner Seite gelassen — eine so trostlose Verzweiflung malte sich in ihren Zügen —, er würde sie in seine Hut genommen und nicht gezögert haben, der eigentlichen Spur nachzugehen, die den Widerstand erklärte. So aber deckte die Finsternis den entsetzlichen Seelenkampf, der da neben ihm, ohne Laut, ohne auch nur einen verräterischen Seufzer, durchstritten wurde, und er führte die Entmutigung und Niedergeschlagenheit, die ihre Stimme so dumpf und eintönig machten, auf das Trennungsweh, auf die tiefe Erschütterung zurück, die der Anblick eines Sterbenden hinterläßt.
Hier und da sprang ein Kiesel mit leichtem Rasseln unter den Füßen der Weiterschreitenden auf und das Wellengeräusch des nahen Flusses scholl stark in das augenblickliche Schweigen hinein, das auf die letzten Worte des Doktors gefolgt war. Die Linden der Allee traten zurück; der Nachthimmel breitete sich droben wieder hin und in sein Flimmern hinein stiegen dort die zwei schlanken italienischen Pappeln, welche die Holzbrücke flankierten.
Bei diesem Anblicke drückte der Doktor unwillkürlich den Arm des jungen Mädchens an sich. »Dort, Käthe!« flüsterte er innig, »dort haben Sie stets die ersten Veilchen gesucht; ich habe Ihnen versprochen, daß Sie das immer dürften, und ich kann Wort halten — ich werde meine Osterferien stets hier verleben.«
Käthe preßte die geballte Rechte auf die Brust; sie glaubte ersticken zu müssen an dem heftigen Schlagen ihres Herzens, und doch fragte sie nach einer kurzen Pause anscheinend gelassen: »Die Frau Diakonus wird Sie nach L.....g begleiten?«