Da kam die Präsidentin herein, gebeugt, als habe ihr das so lange nachschleichende Alter nunmehr mit doppelter Wucht einen Stoß in das Genick versetzt. Die weiße Schleierwolke lag wieder um Kinn und Hals; sie hatte die schwarze Krepphaube fortgeschleudert — um einen Schurken trauere man nicht, hatte sie gesagt. Sie trat an das Bett, und ein leichter Krampf machte ihre Lippen beben, als sie in das stille Totengesicht sah. »Ihr ist wohl,« sagte sie mit brechender Stimme. »Sie hat das bessere Teil erwählt; nun braucht sie nicht in die Verbannung zu gehen — der bittere, bittere Kampf mit der Armut ist ihr erspart geblieben.«
Flora aber kam und ging wortlos. Die zwei treuen Wächter am Totenbette existierten nicht für sie. Sie küßte die heimgegangene Schwester auf die Stirn, dann schritt sie, den Kopf in den Nacken zurückgeworfen, wieder nach der Thür, durch die sie gekommen. Wohl wurzelte ihr Fuß auf der Schwelle, aber sie wandte weder die Augen noch den Kopf nach der Richtung, wo der Doktor stand und mit ernster, feierlicher Stimme die Grüße der Toten bestellte. Sie neigte unmerklich das Haupt, zum Zeichen, daß sie den Ausdruck des letzten Gedankens in Empfang genommen, und ging mit rauschender Schleppe weiter, die Treppe hinab, um drunten Hut und Regenmantel anzulegen und nach dem nächstgelegenen Hotel zu gehen, in welchem sie Zimmer für sich und die Präsidentin gemietet hatte; unter dem Dache des Verbrechers durfte kein Glied der Familie Mangold mehr schlafen, selbst die Tote nicht.
Und als man auch sie nach hereingebrochener Dunkelheit fortgetragen hatte in die große Halle, wo sie alle im letzten Schmuck und blumenüberschüttet auf das Oeffnen der letzten Pforte warten, da wurde auch in der Bel-Etage die letzte Zimmerthür verschlossen, und der Doktor und Käthe stiegen die Treppe herab. Wie schollen ihre Schritte durch das schweigende, verlassene Haus! Wie gespenstisch schlich der Schein der Lampe, die der Gärtner vor ihnen hertrug, über die einsamen Wände des Treppenhauses und der Korridore, an denen Tag für Tag die Fluten des üppigsten Lebens, die übermütigen Zeugen der goldgleißenden Schwindelepoche hinweggerauscht waren.
Die weiche Nachtluft, welche die Fortgehenden umfloß, legte sich wie Balsam auf Käthes heiße, verweinte Augen. Ein sternfunkelnder Himmel breitete sich über den schweigenden Park hin; man konnte die einzelnen Baumgruppen unterscheiden und der Teichspiegel glomm schwach herüber wie mattes Silber durch schwarzes Schleiergewebe. Das Sandgeröll wich knirschend unter den Tritten und von fern her tosten die über das Wehr stürzenden Wasser, aber kein Blatt an den Wipfeln und Büschen regte sich — es war so lautlos still wie droben im Sterbezimmer, wo man während der letzten Stunden nur flüsternd das Notwendige beredet hatte. Und deshalb schrak auch Käthe jetzt so zusammen und brach fast in die Kniee, als der Doktor mit seiner tiefen, vollen Stimme das Schweigen unterbrach. Sie hatten gerade das tiefdunkle Laubthor der Allee vor sich, und da blieb er stehen.
»Ich verlasse in wenigen Tagen die Residenz, und so wie ich Sie kenne, werden Sie bis dahin weder zu meiner Tante kommen, noch mir gestatten, die Mühle zu betreten,« sagte er — eine unsägliche Beklommenheit und Spannung lag in diesen Tönen. »Ich muß mir also sagen, daß wir zum letztenmal nebeneinander gehen — das heißt für jetzt —«
»Für immer!« unterbrach sie ihn tonlos, aber fest.
»Nein, Käthe!« sagte er entschieden. »Eine Trennung für immer wäre es allerdings, wenn ich das, was Sie vor wenigen Stunden ausgesprochen haben, für unverbrüchlich halten müßte, denn — eine Schwester will ich nicht ... Glauben Sie, ein Mann werde sich zeitlebens da mit wohlgemeinten schwesterlichen Briefen begnügen, wo er nach dem lebendigen Worte von geliebten Lippen dürstet? ... Aber nein, das wollte ich ja heute nicht sagen. Die Selbstsucht reißt mich hin, Sie in einem Augenblicke zu bestürmen, wo Sie eine so bittere Schmerzenslast zu tragen haben. Nur über eines muß ich mich noch aussprechen. Sie haben heute nachmittag eine Begegnung in dem Zimmer gehabt, aus welchem Sie mir in der heftigsten Gemütsbewegung entgegentraten. Man hat Ihnen mitgeteilt, was geschehen ist, und dabei ist selbstverständlich der ganze mißliche Anschein, den eine solche gewaltsame Lösung stets gewinnt, auf mich allein gefallen — ich sah das an Ihren Mienen, und später, als Sie sich gegen eine innigere Beziehung verwahrten, indem Sie Henriette zuliebe mir eine Schwester sein wollten, da hörte ich auch, daß böse Einflüsterungen Macht über Sie gewonnen hatten! — Gott sei Dank, nicht für immer! Ich weiß es — Ihr klarer, kluger Blick mag sich vielleicht momentan trüben, aber er wird sich nicht hartnäckig verschließen. Käthe, ich war neulich, an dem schreckensvollen Nachmittage, in meinem Garten; ich stand hinter dem Ufergebüsche, und drüben legte ein Mädchen die Stirn an einen Baumstamm und weinte bitterlich.«
Käthe machte eine Bewegung, als wolle sie in die Allee hineinfliehen, allein schon hatte Bruck ihre Hand gefaßt und hielt sie mit festem Drucke. »Ich sah das Mädchen leibhaftig vor mir stehen, das ich eben in Gedanken voll Sehnsucht in meinen Armen gehalten und an das Herz gedrückt hatte; ich war eben in dem letzten der Kämpfe, die ich monatelang durchlitten, Sieger geblieben, das heißt ich hatte falsche Ansichten von mir geschüttelt und mir gesagt, daß ich ein Meineidiger sei, wenn ich, die unbezwingliche Leidenschaft im Herzen, eine verhaßte Ehe eingehe. Und da sah ich die Heimgekehrte stehen — und ich jauchzte, denn ihre weinenden Augen suchten nicht die Fenster der Tante —« Er schwieg und zog ihre Hand an seine Lippen, und sie lehnte an der nächsten Linde, unfähig, auch nur einen Laut herauszubringen.
»Ich darf der, die meine Braut gewesen ist, keinen Vorwurf machen; ich trage die Schuld, daß es zu einem solchen Eklat kommen mußte, ich, der ich, um der Welt willen, schwach genug war, nicht schon in dem Augenblicke zurückzutreten, wo ich unter tödlicher Bestürzung erkannte, daß ich eine hinreißend schöne Form gewählt habe, deren vermeintlich reicher Inhalt unter den prüfenden Augen zu Nichtigkeiten zerbröckelte — und das geschah schon in den ersten Wochen nach meiner Verlobung.«