Henriettens Augen schweiften über den Himmel hin. »Wie köstlich klar und rosig! Ein Hineintauchen der befreiten Seele muß himmlisch sein,« flüsterte sie innig. »Ob es ein Zurückblicken gibt? Ich will ja nur Eines sehen ...« — sie wandte mühsam den Kopf in den Kissen und sah voll zum erstenmal mit dem ganzen, unverhehlten Ausdruck unaussprechlicher Liebe zu Bruck auf — »ob du glücklich wirst, Leo. Dann mag es mich fort, in Sonnenfernen tragen.« — Zu sagen: »ich muß das wissen, um selig werden zu können, weil ich dich geliebt habe mit allen Kräften, mit jeder Faser meines Herzens,« das konnte die scheu verschlossene Mädchenseele selbst in der Todesstunde nicht über sich gewinnen.
Es war, als überfliege ein verklärender Schein die gesenkte Stirn des Doktors. »Es hat sich noch alles glücklich für mich gewendet, Henriette,« sagte er bewegt. »Ich wage zu hoffen, daß ich nicht mehr einsam und verbittert durchs Leben gehen werde, oder besser: ich weiß, daß sich in der zwölften Stunde noch mein Traum von wahrer Lebensbeglückung erfüllen wird — genügt dir das, meine Schwester?« Er zog die schmale, erkaltete Hand, die er noch in der seinen hielt, an die Lippen. »Ich danke dir,« setzte er innig hinzu.
Ein Erröten, sanft rosig wie das Abendlicht draußen, kam und schwand in jähem Wechsel auf den Wangen der Sterbenden; mit einem Ausdruck von scheuem Glück streiften ihre Augen unwillkürlich die Schwester, welche, die Rechte auf Brucks Armstuhl gelegt, sichtlich bemüht war, ihren Schmerz, aber auch eine unverkennbare Bestürzung zu bemeistern. Bei diesem Anblick schmolz Henriettens Herz in Weh und Mitleid.
»Sieh meine Käthe an, Bruck!« sagte sie bittend, aber mit erlöschender Stimme und unaufhörlich von Atemnot unterbrochen. »Lasse mich's noch aussprechen, was mich immer bedrückt und geschmerzt hat! Du bist immer so kalt gegen sie gewesen — einmal sogar hart bis zur Grausamkeit — und ihr kommt doch keine gleich, keine! Leo, ich habe dein Vorurteil nie begreifen können ... Sei gut gegen sie — stehe an ihrer Seite —«
»Bis zum letzten Atemzug! Bis über den Tod hinaus!« unterbrach er sie, kaum fähig, seiner stürmischen Bewegung Herr zu werden.
»Sieh, nun ist alles gelöst! Ich weiß es, hältst du sie in treuer Hut, dann wird meine starke, meine mutige Käthe stets zwischen dir und allem Ungemach stehen —«
»Wie eine treue Schwester, die ich ihm von dieser Stunde an sein werde,« vollendete Käthe mit halberstickter Stimme.
Ein geisterhaftes Lächeln irrte um Henriettens Mund — sie schloß die Augen. Sie sah nicht, daß durch die Glieder der Starken, Mutigen Schauer liefen, als schüttle sie das Fieber — sie sah nicht, daß sie Brucks dargebotene Rechte mit weggewendetem Gesicht von sich schob, als sei selbst ein Händedruck nicht statthaft. Das Lächeln erlosch und aus der Brust der Sterbenden rang sich ein röchelnder Laut. »Grüßet die Großmama! — Nun möchte ich Ruhe haben — schaffe mir Ruhe um jeden Preis, Leo!« hauchte sie angstvoll.
»In zehn Minuten wirst du schlafen, Henriette,« sagte er in tiefen, beruhigenden Tönen. Er legte ihre Hand auf die Bettdecke zurück, und sich erhebend, schob er seinen Arm sanft und unmerklich unter das Kopfkissen — so lag sie wie ein Kind an seiner Brust — seliges Sterben!
Und nach zehn Minuten schlief sie. Die hereinnickenden Weinblätter wehten leise, als streife sanfte Berührung an ihnen hin, und das Rosenlicht draußen, in das zu tauchen die Seele sich gesehnt hatte, erglühte plötzlich wie angefacht zum tiefsten Purpur. Und der kleine, kirre Vogel ließ sich wie immer zum Abendgruß auf dem Fenstersims nieder; er zwitscherte leise herein, nach dem wachsweißen Mädchengesicht hin — zum letztenmal; denn nun wurde auch dieser Fensterladen geschlossen, bis — fremde Hände kamen und Besitz ergriffen vom Hause des Kommerzienrates.