Dieser gefürchtete und namenlos verhaßte »Witwensitz« war ein wahres Feenschlößchen geworden. Reiche Gardinen hinter den Spiegelscheiben; sie sah eine köstliche Spitzenkante an einem Eckfenster, welches das Ahorngeäst freiließ; es funkelte alles im Glanze der Neuheit, das spiegelglatte Parkett, die eleganten Möbel, die Deckenmalereien, die Lüsters in dem Salon; selbst die Küche war splendid und vorsorglich ausgestattet, bis auf den einfachsten Blechlöffel hinab. Dieses »Bijou« hatte ihr Eigentum sein sollen bis an ihr Ende, und sie hatte es verächtlich mit dem Fuße fortgestoßen, aus Furcht, es werde sie von der Geselligkeit im Hause des Kommerzienrates isolieren — und nun, und nun!!

Währenddem kämpfte Flora um ihre Effekten, aber alle erschöpfenden Argumente, das schließliche Berufen selbst auf das Zeugnis der Dienerschaft waren vergeblich. Fräulein Mangold möge später reklamieren, augenblicklich müsse alles Vorgefundene in Bausch und Bogen unter die Siegel — lautete die höfliche, aber sehr bestimmte Antwort. Und so ging es treppauf, treppab stundenlang. Alles, was an lebenden Blumen das Haus schmückte, wurde in die Treibhäuser gestellt; man hörte einen Zimmerschlüssel nach dem andern im Schlosse kreischen und die noch offenen Fensterladen vorlegen — es war schauerlich, wie sich so nach und nach hinter den Vollstreckern des Gesetzes her die Dunkelheit und das Schweigen in den verlassenen Ecken niederhockte. Zwischen das Treiben hinein schimpfte und fluchte die Dienerschaft nunmehr ganz offen und jammerte um den rückständigen Lohn, aber jedes schnürte sein Bündel, um das Haus zu verlassen, dessen Komfort hinter Schloß und Riegel lag, dessen Fleischtöpfe nicht mehr brodelten. Nur der Gärtner blieb und wurde in der Domestikenstube einquartiert.

Und inmitten dieser Verwirrung hob die Mädchenseele droben in der Bel-Etage die Flügel, um nach jahrelangem Kampfe den kranken Leib leise und klaglos abzustreifen.

Henriettens Zimmer blieben unberührt von dem Geräusche der Beschlagnahme — was die Sterbende umgab, war ihr Eigentum. Man bemühte sich auch, in der Bel-Etage jeden Lärm, selbst den der lauten Fußtritte, zu verhindern, und so drang nichts zu der scheidenden Seele, was sie noch einmal aufschrecken und in die irdische Misere zurückblicken machen konnte. Sie sah nur vor sich, durch das offene Fenster, in einen wahren Rosenhimmel hinein; sie sah die Schwalben mit ihren weißen Brust- und Flügelfedern wie silberne Kreuze unter den hochziehenden, rotglänzenden Abendwolken hinschießen, hastig, von dem erwachten Wandertrieb in der Brust beunruhigt. Noch gestern waren feine Rauchstreifen von der Ruine her vorübergezogen und fernes Geräusch hatte die Gedanken des kranken Mädchens immer wieder auf sich gelenkt und schmerzbewegt um die Unglücksstätte kreisen lassen, wo die berstenden Mauern zusammengestürzt waren über »dem Unvorsichtigen«, an welchem sie, bei allen seinen Schwächen, doch mit schwesterlicher Zuneigung gehangen hatte. In die jetzige feierliche Abendstunde aber, in das stille Hingehen des Tages und eines kurzen Mädchenlebens mischten sich keine Anzeichen jener Schrecknisse mehr.

Der Doktor saß an Henriettens Bett. Er sah, wie der Tod dieses Antlitz voll Geist und Bewußtsein mit rapider Schnelligkeit, Strich um Strich, schärfte und markierte; an die Fingerspitzen der Kranken klopfte der entfliehende Lebensstrom in so vereinzelten Pulsschlägen, als kehre von fern her hier und da eine Welle zurück und spüle noch einmal an das verlassene Ufer.

»Flora!« flüsterte Henriette und sah ihn mit einem sprechenden Blicke an.

»Soll sie kommen?« fragte er, sofort bereit nach ihr zu gehen.

Henriette schüttelte schwach den Kopf. »Du wirst mir nicht böse sein, wenn ich mit dir und Käthe allein bleiben möchte, bis —« Sie vollendete nicht und pflückte mit halbversagenden Fingern an dem welken, roten Weinlaub auf der Bettdecke. »Ich will es ihr ersparen und sie wird es mir Dank wissen;« — noch einmal schwebte der Anflug eines sarkastischen Lächelns schattenhaft um ihren Mund — »sie kann Rührszenen nicht leiden ... Du sollst ihr nur einen Gruß bringen, Leo.«

Der Doktor schwieg und neigte das Haupt. In seiner nächsten Nähe stand Käthe. Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen — die Sterbende stützte sich ahnungslos auf Beziehungen, die nicht mehr existierten; erfuhr sie noch die Wahrheit? Ein angstvoller Seitenblick streifte das Gesicht des Doktors; es blieb vollkommen ernst und gefaßt; die Scheidende durfte durch eine unerwartet hereinbrechende Nachricht aus der schon halb und halb verlassenen Welt herüber nicht mehr aufgeschreckt werden, und zu einer Vorbereitung blieb — keine Zeit.