Dies alles hatte Käthe noch einmal mit thränenverdunkelten Augen überblickt, dann war sie heimgegangen, um an den Schreibtisch zu treten und noch einige nötige Geschäftsbriefe zu schreiben. Kaufmann Lenz sollte am Abende von seiner geschäftlichen Rundreise zurückkehren; bis dahin hatte die junge Herrin noch manches zu erledigen, um dann, abgelöst von ihrem Posten, auf vierzehn Tage nach Dresden zu ihren Pflegeeltern zu reisen.

Ach, wie entsetzlich zerstreut war sie doch heute! Wie klopften ihre Pulse, und wie abscheulich zerfahren kamen die sonst so sicheren Gedanken und Buchstaben aus ihrer Feder! Und nun trat auch noch die Jungfer der Präsidentin ein; sie hatte den großen, leeren Marktkorb am Arme, »weil sie eben das bißchen Bedarf für die Festtage in der Stadt einkaufen wollte«; es sei ja nur ein kleiner Umweg über die Mühle, habe die gnädige Frau gemeint und ihr einen eben eingelaufenen Brief von Fräulein Flora zum Durchlesen für das »liebe Fräulein Käthchen« mitgegeben.

Suse wurde sofort beordert, den Korb bis an den Rand mit ihren schön geratenen Napfkuchen und allen möglichen guten Dingen aus der Speisekammer zu füllen, der Brief aber lag noch unberührt auf dem Schreibtische, als die Jungfer längst in die Stadt zurückgekehrt war.

Die Präsidentin hatte dem jungen Mädchen schon einigemal die Zuschriften der Stiefschwester mitgeteilt — es war Käthe zwar stets zu Mute gewesen, als glühe das Briefblatt zwischen ihren Fingern, aber sie hatte pflichtschuldigst gelesen, um nicht feindselig zu erscheinen. Auch jetzt überschlich sie das Gefühl, als müsse aus dem starkparfümierten Kouvert da neben ihr eine Flamme züngeln, um sie zu verletzen. Unwillig schob sie das widerwärtige kleine Viereck mit dem Ellbogen weiter, so daß es unter einem Stoße von Rechnungsformularen verschwand — sie sah nicht ein, weshalb sie sich auch noch durch das Lesen einer der meist sehr frivolen und von Anmaßung und Uebermut strotzenden Episteln aufregen solle, wie es bisher stets der Fall gewesen war.

Die Feder wurde wieder aufgenommen, aber nur für wenige Augenblicke. Erregt griff das junge Mädchen wie nach einem schützenden Talisman nach den mitgebrachten Veilchen, die vor ihr im Glase standen und atmete den kühlen, süßen Duft ein; sie trat an ihren Flügel und spielte zur inneren Beschwichtigung eine harmlose, sanfte Melodie; sie öffnete eines der Fenster und streichelte die kirren Tauben, die draußen auf dem Sims hockten, und dabei sagte sie sich wiederholt, daß die Uebermittelung des Briefes im Grunde ja nur ein maskiertes Attentat auf ihre Speisekammer gewesen sei — aber es mußte ein böser Zauber in dem unseligen Kouvert stecken. Das Blut stürmte ihr immer heißer nach dem Kopfe, bis sie, glühend wie im Fieber, plötzlich die Formulare wegstieß und mit hastigen Fingern den Brief ergriff.

Beim Entfalten des Papierbogens fiel ein versiegelter Zettel heraus — sie bemerkte es nicht — ihre Augen irrten über den Anfang der Zuschrift; sie wurden groß und weit, und unwillkürlich griff das starke Mädchen nach einer Stütze, um sich eine festere Haltung zu geben. Flora schrieb von Berlin aus:

»— Du wirst wohl lachen und triumphieren, liebe Großmama, aber ich sehe ein, es ist besser so — ich habe mich vor einer Stunde mit deinem ehemaligen Protegé, Karl von Stetten, verlobt. Er ist häßlicher und körperlich verkommener als je und trägt in seinem Bullenbeißergesicht jetzt auch noch eine blaue Brille — fi donc, ich werde mich zeitlebens genieren, an seinem Arm zu gehen, aber seine hündisch treue, wirklich närrische Leidenschaft für mich erweckte mir schließlich doch ein menschliches Rühren, und weil er durch den unerwarteten Tod seines jungen Vetters plötzlich Majoratsherr auf Lingen und Stromberg geworden ist, hier zu Hofe geht und in der Gesellschaft gut angeschrieben zu sein scheint, so hatte ich sonst nicht viel mehr gegen die Partie einzuwenden —«

Der Brief flog auf den Schreibtisch — Bruck war frei, dergestalt von seiner Kette erlöst, daß er nun auch — in die Schloßmühle kommen durfte. War das denkbar? Eine so jähe, ungeahnte Wendung, nachdem man sich sieben entsetzliche Monate hindurch gemartert, nachdem man alle innere Kraft aufgeboten hatte, um das widerspenstige Herz, ja, jeden abirrenden Gedanken zu knebeln, damit man endlich zu der stoischen, toten Ruhe gelange, mit der man den verhaßten Ring in die Hand der Auserwählten legen und dann seinen rauhen Lebensweg einsam, aber ohne Schuld zu Ende gehen konnte!

Sie schlug die Hände vor das Gesicht, als sähe sie ein Gespenst mitten in dem Jubelrausch emportauchen — Gott im Himmel, wenn sie falsch gelesen hätte! Es war doch so? Flora, dieses unberechenbare Wesen, hatte sich verlobt? Sie wollte sich nun doch, nach so vielen fehlgeschlagenen Versuchen, berühmt zu werden, in der zwölften Stunde in die Ehe retten? Käthe griff noch einmal nach dem dicken, duftenden Briefblatt — ja, ja, da stand es wirklich und wahrhaftig in den »großen Krakelfüßen«. Und dann folgte eine genaue Instruktion, in welcher Weise die Verlobungsanzeige für die Residenzbewohner zu bewerkstelligen sei; es war die Rede von der Hochzeit, die man, just um der Vergangenheit willen, auf den zweiten Pfingstfeiertag festgesetzt habe — und und dann kam die vorläufige Einladung zu der Vermählungsfeierlichkeit für die Großmama selbst. Das war alles sonnenklar und unumstößlich, aber nun flog eine tiefe Blässe über das Gesicht der Lesenden, und sie meinte, an der Lähmung, die über sie komme, müsse sie sterben. Flora schrieb weiter:

»Auf meiner Durchreise nach Berlin habe ich mich auch einige Tage in L.....g aufgehalten. Es wird dir interessant sein, zu hören, daß einem gewissen Hofrat und Professor Bruck bei seinem fabelhaften Glück nicht nur die Berühmtheit in den Schoß, sondern auch eine schöne Gräfin zu Füßen gefallen ist. Man versicherte mir allgemein, er sei im stillen verlobt mit der reizenden Patientin, die er, nachdem alle anderen Aerzte sie aufgegeben, durch eine kühne Operation dem Tode entrissen habe. Das gräfliche Elternpaar soll mit der Verbindung durchaus einverstanden sein, und die liebe, gottselige Tante Diakonus scheint ihren Segen auch nicht zu verweigern. Ich sah sie neben dem Brautpaar in der Theaterloge sitzen, fried- und tugendsam wie immer, und, wenn ich nicht irre, Zwirnhandschuhe an den Händen. Das Mädchen ist sehr hübsch, wenn auch ein Puppengesicht ohne Geist — und Er? Nun, dir kann ich's ja sagen, Großmama: ich habe mir die Lippen blutig gebissen vor Grimm und Groll, weil das dumme Glück diesen Menschen zu einem Gegenstand der allgemeinen Vergötterung macht, weil er hinter dem Stuhl seiner Braut stand, so sicher, zuversichtlich und ruhig, als gebühre ihm alle Auszeichnung von Rechts wegen, und als wisse er nichts von Charakterschwäche — der Ehrlose! ... Gib Käthe den inliegenden Zettel —«