Ach ja, da lag er wohlversiegelt auf dem Schreibtisch und trug die Adresse: »An Käthe Mangold.« — Und die Welt kreiste vor ihren Augen, und der schmale Papierstreifen flog in den wie von Fieberfrost geschüttelten Händen auf und nieder. Er enthielt nur die Worte: »Habe die Freundlichkeit, den dir anvertrauten Ring nunmehr der Gräfin Witte zu übergeben — oder wirf ihn auch meinetwegen in den Fluß zu dem andern!

Flora.«

Käthe war plötzlich sehr ruhig geworden; sie glättete mechanisch den Zettel und legte ihn zu dem Briefe. Sollte die schöne Gräfin Witte der Gast sein, für den man das Fremdenzimmer eingerichtet hatte? Sie schüttelte energisch den reizenden, flechtengeschmückten Kopf, und die braunen Augen begannen aufzustrahlen, während sie die Hände fest gegen die tiefatmende Brust preßte. War sie es wert, ihm je wieder in die Augen zu sehen, wenn sie auch nur sekundenlang an ihm zweifelte? Er hatte gesagt: »Zu Ostern komme ich wieder.« Und er kam, und wenn die glänzendste Menschenberedsamkeit ihr das Gegenteil versicherte, sie glaubte nichts, als daß er sie liebe und daß er kommen werde. Nein, nein, solch ein hochmutberauschter Schloßherr konnte es wohl übers Herz bringen, der einst Geliebten, der unglücklichen, blonden Edelfrau, die neue stolze Schloßherrin in der Hochzeitsschleppe zuzuführen — aber nicht er, nicht er in seiner Gemütsinnigkeit. Er brach der Müllers-Enkelin nicht sein Wort um einer anderen willen, und wenn selbst diese andere — eine Gräfin sein sollte.

Ein unbeschreiblicher Glückseligkeitssturm wogte in ihr auf und riß alle Gedanken in seinen Wirbel. Sie flog nach dem südlichen Eckfenster, um nur einen Blick nach dem alten Hause zu werfen — Himmel, dort von der Fahnenstange flatterte eine farbenglänzende Flagge über die Baumwipfel hin. Waren die Gäste schon da? Sollte sie hinübereilen, um die Tante Diakonus in ihre Arme zu schließen? Nein, in dieser stürmischen Aufregung ganz gewiß nicht. Da mußte erst die verräterische Glut von den Wangen gewichen und der Herzschlag ruhiger geworden sein, wenn sie sich nicht vor den seelenvollen, klaren Augen der sanften Frau scheuen sollte ... Ruhe, Ruhe! — Sie trat an den Schreibtisch.

Da lag aufgeschlagen das große, dicke Hauptbuch; das Fach hier barg sechs Geschäftsbriefe, die heute noch beantwortet werden mußten, und drunten rasselte schwerfällig einer der Mühlenwagen mit Getreidesäcken in den Hof. Die Hunde bellten einen Bettler, dem Suse ein Stück Brot vom Vorsaalfenster zuwarf, wie toll an; da waren Prosa und rauhe Wirklichkeit übergenug. Und die Neuruppiner Bilderbogen, die, als großväterlicher Nachlaß streng respektiert, immer noch die Wände zierten, sie hatten ganz gewiß nichts Aufregendes, so wenig wie die dickbäuchigen Federkissen des Kanapees drunter und die Schwarzwälder Standuhr daneben, die so entsetzlich steif und geradlinig die Wand hinaufstieg und den lebensmüden Pendel langatmig hinter dem blinden Glase schwang.

Der Blick des jungen Mädchens streifte langsam alle diese Herrlichkeiten, dann nahm sie einen Briefbogen und tauchte die Feder ein. »Herren Schilling und Compagnie in Hamburg« — ach, das konnte ja niemand lesen! Verzweiflungsvoll fuhr sie mit der Hand über die glühende Stirn, so daß die braunen Locken wegflogen und eine schmale, rote Narbe hervortreten ließen. Und so verharrte sie einen Augenblick unbeweglich, die Linke über die Augen gelegt und in der Rechten die ungeschickte Feder auf dem Papiere festhaltend; da streifte ein kühles Wehen ihre Wange. Die Zugluft kam durch eine offene Thür oder vom Fenster her; sie sah auf — und da stand er, dort auf der obersten Stufe der in das Zimmer hinabführenden Holztreppe, lächelnd, strahlend in Wiedersehensfreude.

... und da stand er, dort auf der obersten Stufe der in das Zimmer hinabführenden Holztreppe, lächelnd strahlend in Wiedersehensfreude. (S. 384.)

»Bruck! — Ich wußte es,« jubelte sie auf, und die Feder fortwerfend, breitete sie die Arme aus und lag im nächsten Augenblick an seiner Brust.

Draußen kam Suse über den Vorsaal; was sollte denn das heißen? Die Thür stand weit offen, im April, wo man noch täglich das »sündenteure« Holz in den Ofen stecken mußte, und den Aufschrei hatte sie auch gehört. Sie fuhr mit dem blauen Schürzenzipfel, den sie gerade in der Hand hielt, um sich den Schweiß von der Stirn abzutrocknen, vor Schrecken in den Mund, denn da unten auf den weißgescheuerten Dielen ihrer heiligen Schloßmühlenstube stand der Herr Doktor Bruck und hielt ihr Fräulein in den Armen, so fest, als wolle er sie in seinem ganzen Leben nicht wieder loslassen — Herr Gott — und sie waren ja doch kein Brautpaar vor den Leuten.