Das helle Geklingel der Thürschelle lockte Franz wieder heraus auf die kleine Freitreppe, und auch seine Frau folgte ihm neugierig mit langem Halse, um die heimgekehrte junge Herrin zu begucken. Käthe bat sie, während ihrer Abwesenheit fleißig nach der Kranken zu sehen, was auch heilig und teuer versprochen wurde. In diesem Augenblick rauschte es in den Lüften, und gleich darauf stürzte eine schöne Taube herab und blieb hilflos auf dem Steinpflaster liegen.

»Schwerenot, nehmen denn die Bubenstreiche kein Ende?« fluchte Franz, indem er die Treppe herabsprang und das Tierchen aufhob — es war flügellahm geschossen. »Da guck her, Frau!« sagte er zu der Müllerin. »'s ist keine von unseren — ich dachte mir's gleich. 's ist ein gottheilloses Volk da drüben. Die schießen der armen Dame ihre Prachttauben nur so vor der Nase weg. Na, ich sollte nur der Herr Kommerzienrat sein!« Er schüttelte die Faust.

»Wer ist denn die arme Dame, Franz? Und wer schießt nach ihren Tauben?« fragte Käthe mit großen Augen.

»Er meint Henriette,« sagte Doktor Bruck.

»Und drüben aus der Spinnerei wird geschossen!« platzte Franz ingrimmig heraus.

»Wie, die Fabrikarbeiter meines Schwagers?«

»Ja, ja, die sein Brot essen, Fräulein. 's ist eine Sünde und Schande. Da haben Sie die Bescherung, Herr Doktor! Da sehen Sie ja nun, was das für eine Brut ist. Sie wollen bei denen alles mit Liebe und Güte durchsetzen — ja, da werden Sie weit kommen. Was haben denn solche brave Leute wie Sie von der Gutheit? Lange Nasen macht Ihnen die Gesellschaft ... Die Faust aufs Auge! 'runter müssen sie. Das ist meine Meinung — sonst ist kein Aushaltens.«

»Streikt man auch hier?« fragte Käthe den Doktor, dem ein so schönes, ernstes Lächeln um die Lippen schwebte, daß sie das Auge nicht von ihm wenden konnte.

»Nein, die Sache liegt anders,« sagte er, den Kopf schüttelnd. Seine ruhige Stimme klang imponierend neben Franzens heftigem Gepolter. »Mehrere der ersten Arbeiter, im Besitz einiger Kapitalien, hatten Moritz gebeten, ihnen beim Zerschlagen des Rittergutes zu einem Stück Land zu verhelfen, das, an sich öde und von geringem Ackerwert, ziemlich nahe der Fabrik unbenutzt liegt. Sie wollten Häuser bauen mit Mietwohnungen auch für die ärmeren Arbeiterfamilien, die den teuren Mietzins in der Stadt fast nicht mehr erschwingen können. Der Kommerzienrat hat ihnen auch Versprechungen gemacht; er konnte das um so eher, als der begehrte Streifen Landes noch zu seinem Park gehört —«

»Verzeihen Sie, Herr Doktor, daß ich Sie unterbreche!« fiel Franz ein; »gerade deshalb durfte er's nicht. Ich hab' mir's gleich gedacht, daß das die Frau Präsidentin nicht zugibt. Wer läßt sich denn auch eine solche Nachbarschaft gefallen, wenn er nicht muß? Und richtig — die Damen drüben sind furchtbar böse geworden und haben's ein für allemal nicht gelitten, daß die Bauplätze abgegeben worden sind; ‚es sollen neue Anpflanzungen gemacht werden‘, hat's geheißen, und damit war die Sache abgemacht. Nun sind sie wütend in der Fabrik und thun Schabernack und rächen sich, wo sie können.«