»Freilich eine erbärmliche Rache! — Du armes Ding!« sagte Käthe und nahm die Taube aus Franzens Hand.
»Das Beklagenswerte dabei ist, daß diese Roheit einzelner auf einen ganzen Stand strafend zurückwirkt. Man wird der Präsidentin keinen Vorwurf mehr daraus machen dürfen, daß sie solche Elemente nicht in ihrer Nähe dulden will,« sprach Doktor Bruck mit verfinstertem Gesicht.
»Das sehe ich nicht ein. Es gibt Boshafte und Rachsüchtige in allen Ständen,« versetzte das junge Mädchen rasch und lebhaft. »Ich verkehre oft in den unteren Klassen; mein Pflegevater hat viel arme Patienten, und wo außer seinen Medikamenten auch kräftige Suppen und sonstige Nachhilfe in der Pflege not thun, da unterstützt ihn meine liebe Doktorin nach Möglichkeit, und ich gehe selbstverständlich auch mit. Man stößt auf viel Undank und Rohheit, das ist wahr, oft aber auch auf brave und edle Gesinnung, Not und Elend sind aber meist so herzerschütternd —«
»Ist nicht so schlimm, wie sie denken, Fräulein — das Volk verstellt sich,« unterbrach sie Franz mit einer wegwerfenden Handbewegung.
Käthe maß ihn einen Augenblick schweigend von unten herauf mit einem sprechenden Blick. »Sieh, sieh, was für ein vornehmer Herr der Franz geworden ist!« sagte sie mit unverkennbarer Ironie. »Von wem sprechen Sie denn? Sind Sie nicht selbst aus dem Volke? Und was waren Sie denn früher in der Schloßmühle? Ein Arbeiter wie die Leute dort in der Spinnerei auch, ein Arbeiter, der schweigend manches Unrecht leiden mußte, wie ich sehr genau weiß.«
Dem Müller schoß das Blut in das bestäubte Gesicht. Er stand in sprachloser Verblüfftheit vor der jungen Dame, die ihm so kurz und bündig, so schlagend seinen Standpunkt bezeichnete. »Na, Fräulein, nichts für ungut! Es war nicht so böse gemeint,« sagte er endlich und streckte ihr in unbeholfener Verlegenheit seine breite Hand hin.
»In Wirklichkeit sind Sie auch nicht so schlimm, Sie haben Glück gehabt und kehren nun den Schloßmühlenpächter heraus, der Geld in der Tasche hat,« entgegnete sie und legte einen Augenblick ihre schmale Hand in die seine, aber die kleine Falte des Unwillens auf ihrer Stirn glättete sich nicht so rasch wieder. Sie zog ein weißes Tuch aus der Tasche, schlug es um die Taube und knüpfte die vier Enden zusammen. »Ich werde Henriette den kleinen Invaliden mitbringen,« sagte sie, das Tuch vorsichtig in die Hand nehmend — es sah aus wie ein armseliges Reisebündelchen.
Der Doktor öffnete eine kleine Seitenthür in der Hofmauer, welche direkt in den Park führte, und ließ die junge Dame voranschreiten. Draußen blieb sie wie eingewurzelt stehen. »Ich finde mich nicht zurecht,« rief sie fast bestürzt und wandte sich wie hilflos nach ihm um. »Sieht es doch fast aus, als ob Riesenhände den Park durcheinander geschüttelt hätten. Was thun die Leute dort?« Sie zeigte weit hinüber nach einer Erdvertiefung von gewaltigem Umfang, aus der die Köpfe zahlloser Arbeiter auftauchten.
»Sie graben einen Teich; die Frau Präsidentin liebt die Schwäne auf breitem Wasserspiegel.«
»Und was baut man da drüben nach Süden hin?«