»Hochromantisch, Moritz! Die Täuschung ist vollkommen,« antwortete sie heiter. »Der da unten,« sie zeigte durch das nächste Fenster hinab auf den flimmernden Wassergürtel, »könnte einen durch seine ernsthafte Verteidigungsmiene erschrecken, wüßte man nicht, daß ein Kommerzienrat des neunzehnten Jahrhunderts dahinter sitzt.«
Er zog die feinen Augenbrauen finster zusammen, und sein Blick streifte unsicher ihr Gesicht — sie bemerkte es nicht. »Hübsch und löblich ist es ganz gewiß nicht gewesen, daß sich Kohl und Rüben früher aus seinem Grunde breit machen durften,« fuhr sie fort; »das weiß ich nun, wenn mich auch das kleine Thal in der Erinnerung anheimelt. Aber ist es nicht ein interessantes, wunderliches Spiel des Wechsels, daß der Kaufmann die Schranken erneut, die das alte Rittergeschlecht zuletzt selbst mißachtet und als überflüssig entfernt hat?«
»Vergiß nicht, meine liebe Käthe, daß ich nunmehr der Ritterschaft selbst angehöre!« versetzte er gereizt und in sehr pikiertem Tone. »Traurig genug, daß sich die alten Geschlechter dem Zeitgeist anbequemt und ehrwürdige Institutionen achtlos aufgegeben — nicht ein Jota durften sie fallen lassen. Es ist ein unverantwortlicher Raub an uns, die wir die Nachfolgenden sind.«
»Schwachkopf! Er ist katholischer als der Papst,« murmelte Henriette ergrimmt; sie schritt tiefer ins Zimmer, während Käthe mechanisch die Thür hinter sich fester zuzog, ohne den halb erschrockenen, halb nachdenklichen Blick von dem sichtlich erregten Manne am Kredenztische wegzuwenden. Sie hatte ihn als Kind gern gehabt, wie alle Menschen, die mit ihm verkehrten. Früh verwaist, aus einer braven Handwerkerfamilie stammend, von bestechend schönem Aeußern und einschmeichelndem Wesen, war er in das Geschäft des Bankier Mangold als Lehrling gekommen und schließlich dessen Schwiegersohn geworden. Käthe wußte, daß er ihre Schwester Klothilde bis zu deren frühem Tode auf den Händen getragen; sie hatte ihn immer nur fügsam bis zur Unterwürfigkeit ihrem Vater gegenüber gesehen, auch war er stets gleichmäßig freundlich und hilfreich selbst gegen die untersten Dienstleute gewesen — und jetzt schwebte um den schön geschwungenen Männermund dort ein scharf ausgeprägter Zug von widerwärtigem Hochmut. Der Seilersohn stieß verächtlich die Leiter um, auf der er emporgeklommen; sein Glücksrausch blendete ihn dergestalt, daß er in den Jargon der eingefleischtesten Krautjunker verfiel.
Henriette hatte sich auf einen niedrigen, polsterbelegten Schemel gekauert, und die Arme um die Kniee legend, sagte sie beißend: »Liebster Moritz, ich bitte dich, thue nicht so entsetzlich herausfordernd! Es könnte irgend eine alte Ahnfrau drüber aufwachen und sehen, wie der tapfere Nachfolger und Burgherr Kaffee kocht, und das züchtige Burgfräulein bequem dort liegt und Cigaretten raucht — na, die würde Augen machen!«
Flora veränderte ihre Stellung nicht um eine Linie; sie nahm nur langsam die Cigarette aus dem spöttisch lächelnden Munde. »Geniert es dich, Schätzchen?« fragte sie in verstellt phlegmatischem Ton und stäubte mit dem Ringfinger die Asche ab.
»Mich?« — Henriette lachte hart auf. »Du weißt, daß ich mich durch dein geniales Thun und Treiben nicht genieren lasse — die Welt ist weit, Flora; man kann sich aus dem Wege gehen und —«
»Pst, nicht so bissig, Kleine! Ich fragte aus purem Mitleid, weil du brustkrank bist.«
Ein fliegendes Rot erschien und verschwand in jähem Wechsel auf den schmalen Wangen der Kranken, und in ihren Augen funkelten Thränen — sie bezwang sich mühsam. »Danke schön, aber sorge du zuerst für dich selber, Flora! Ich weiß, es zuckt dir in allen Fingern, das qualmende Ding da zum Fenster hinauszuwerfen, denn es beräuchert deine Perlenzähne wie Meerschaum und jagt dir einen Schauder des Abscheues nach dem anderen über die Haut — trotz alledem diese heroische Selbstüberwindung! Aus Emanzipationssucht? Bah, du hast viel zu guten Geschmack, Flora, um zu den allerordinärsten Requisiten des Blaustrumpfes zu greifen; auch bringst du dieser Neigung, die ja schließlich doch nur auf öffentliche Verherrlichung ausgeht, kein Opfer, das verhäßlicht —«
»Schau, was sie für eine hohe Meinung von mir hat, die liebe Seele!« sagte Flora, unter ironischem Auflachen den Kopf schüttelnd, zu dem Kommerzienrat.