»Du übst dich im Rauchen und wirst das vielleicht drei bis vier Wochen konsequent durchführen,« fuhr Henriette unbeirrt, aber mit sichtlicher Erbitterung fort, »weil es Leute gibt, die Tabaksrauch im Frauenmunde verabscheuen wie Pesthauch. Du suchst Händel, willst erzürnen, es ist der letzte Hebel, den du ansetzest —«

Flora richtete sich aus ihrer halb liegenden Stellung auf. »Nun, und wenn, mein Fräulein?« fragte sie stolz zurückweisend. »Ist es nicht meine Sache, ob ich gefallen oder abstoßen will?«

»Weit entfernt! In deinem Falle bleibt dir nur noch die Aufgabe, zu beglücken,« brauste Henriette empört auf.

»Lächerlich! Trage ich hier vielleicht den Ehering?« — Sie zeigte auf den elfenbeinweißen Goldfinger der Rechten. »Gott sei Dank, nein! ... Uebrigens hast du am allerwenigsten Ursache, dich zu echauffieren und eine Lanze einzulegen — du bist krank, armes Ding, und mehr als je auf deinen Arzt angewiesen, aber er zieht es vor, eine Vergnügungsreise zu machen und auf die unmotivierteste Weise wochenlang fortzubleiben.«

Jetzt mischte sich auch der Kommerzienrat in den Wortwechsel der erbitterten Schwestern. »Unmotiviert, Flora, weil er dir den Grund seiner Reise nicht des langen und breiten mitgeteilt hat?« rief er ärgerlich. »Bruck spricht nie über seinen Beruf und die damit verknüpften Vorkommnisse, das weißt du. Er ist ohne Zweifel an ein Krankenbett gerufen worden —«

»Nach L.....g, wo man berühmte Universitätsprofessoren haben kann? Ha, ha, ha! Eine kostbare Idee! Mache dich doch nicht lächerlich mit dergleichen Illusionen, Moritz! Uebrigens ist das ein Punkt, über den ich grundsätzlich nicht mehr mit euch streite — basta!« Sie streckte ihre Rechte nach der Kaffeetasse aus und schlürfte den köstlich duftenden Trank. Henriette aber schob grollend die gebotene Labung zurück; sie stand auf und trat an die Glasthür, die auf die anstoßende Ruine hinausführte. Das Mauerstück war der Rest einer Kolonnade, die einst von dem ersten Stockwerk des Haupthauses in den Turm geführt hatte; die zwei schön gewölbten, auf schlanken Säulchen ruhenden Bögen bildeten jetzt eine Art Söller mit prachtvoller Fernsicht.

Henriette riß den Thürflügel auf, und die krampfhaft geballten Hände gegen die Brust drückend, sog sie angstvoll gierig die frische Luft ein, aber eine augenblickliche Erstickungsnot machte sich doch geltend. Käthe und der Kommerzienrat eilten, die Leidende zu unterstützen; auch Flora erhob sich. Sie warf unwillig die Cigarette in den Aschenbecher. »Nun werden wohl die harmlosen Dampfwölkchen schuld sein müssen an dem Anfall,« sagte sie geärgert, »aber ich weiß es besser. Du gehörtest von Rechts wegen ins Bett, Henriette, und nicht in die trockene Frühlingsluft hinaus, die für Leute deines Schlages wahres Gift ist — ich habe dich gleich gewarnt, aber du hast ja nie Ohren für einen wohlgemeinten Rat und möchtest einem am liebsten weismachen, du strotzest von Gesundheit wie ein Posaunenengel. Ebenso obstinat bist du bezüglich der ärztlichen Hilfe —«

»Weil ich meine kranke Lunge nicht dem ersten besten Giftmischer anvertraue,« ergänzte Henriette in mattem, aber sehr entschiedenem Tone.

»O weh, das geht meinem armen alten Medizinalrate an die Ehre,« rief Flora lächelnd. Sie zog die Schulter empor. »Immerhin, Kind, wenn es dir Vergnügen macht! Ich kann ja auch nicht wissen, wie er seine Mixturen mischt, so viel aber darf ich behaupten, daß er noch nie einem Patienten ungeschickterweise nahezu — den Hals abgeschnitten hat.«

Der Kommerzienrat fuhr mit bleichem Gesichte herum und hob unwillkürlich die Hand, als wolle er sie auf den impertinenten, lästernden Frauenmund pressen; er schien sprachlos — sein Blick streifte scheu Käthens Gesicht.