»Du Herzlose!« stieß Henriette hervor.
»Herzlos bin ich nicht, aber unerschrocken genug, böse Dinge beim Namen zu nennen, selbst wenn die harten Worte auf eigene Wunden zurückschlagen sollten. Wo bliebe dann auch das Verdienst der strengen Wahrhaftigkeit? ... Denke an jenen schlimmen Abend und frage dich, wer recht behalten hat! Ich wußte, daß ein tiefer Sturz aus den Höhen fälschlich erträumter Berühmtheit erfolgen mußte — er ist erfolgt, zermalmender, rettungsloser als ich selbst gefürchtet, oder wollt ihr auch die einstimmige Verurteilung von seiten des Publikums wegdisputieren? Daß ich aber nicht mit stürzen will, wird jeder begreifen, der mich kennt ... Ich kann nicht beschönigen und vertuschen, wie es z. B. die Großmama aus dem Fundament versteht; ich will es auch gar nicht. Keine Rolle ist lächerlicher als die jener ahnungslosen Frauenseelen, die da noch öffentlich anbeten, wo, wie die Welt sich zuzischelt, längst nichts mehr zu verehren ist.«
Sie schlug auch den anderen Thürflügel zurück und trat hinaus auf den Söller. Sie hatte in leidenschaftlicher Steigerung gesprochen; der bleiche Marmorton ihres vom blauen Frühlingshimmel sich scharf abhebenden Römergesichts belebte sich unheimlich; mit den flimmernden Augen voll abweisender Verachtung, mit den nervös bebenden Nasenflügeln war sie die personifizierte brennende Ungeduld.
»Uebrigens hat es ja in seiner Hand gelegen, mich zu bekehren — wie hätte ich ihn dann verteidigen wollen mit Mund und Feder!« fuhr sie fort, während sich ihre feinen Finger in das rasselnde Geflecht verdorrter Schlingpflanzen verstrickten. »Aber er hat es vorgezogen, auf meine erste und einzige dahin zielende Frage stolz wie ein Spanier mit einem Eisesblicke zu antworten —«
»Diese Antwort sollte dir genug sein —«
»Ganz und gar nicht, mein lieber Moritz; ich finde sie sehr bequem und wohlfeil, und in Bezug auf sprechende Blicke und Gesten bin ich skeptisch — ich verlange mehr ... Aber ich will dir zeigen, daß mir der gute Wille nicht fehlt, indem ich dir hiermit noch einmal wiederhole, was ich gleich zu Anfang verlangt habe: Beweise mir und der Welt, daß er seine Schuldigkeit gethan hat, denn du warst Zeuge!«
Er trat rasch von der Thürschwelle zurück und legte die Hand schützend über die Augen — das Sonnenlicht, das den Balkon grell überströmte, belästigte ihn unerträglich. »Du weißt allzu gut, daß ich das nicht in der Weise kann, wie du es forderst — ich bin kein Mediziner,« versetzte er mit tief herabgedrückter Stimme; sie verlor sich fast in einer Art von Murmeln.
»Kein Wort mehr, Moritz!« rief Henriette. An ihrem Körper bebte jede Fiber. »Mit jedem Verteidigungsversuch gibst du zu, daß diese edle Braut einen Anschein von Berechtigung für sich hat, feig und wankelmütig zu sein.« Ihre großen Augen, in denen das innere Fieber aufglühte, richteten sich haßerfüllt auf das schöne Gesicht der Schwester. »Im Grunde kann man nur wünschen, daß deine grausamen Manöver möglichst rasch zum Ziele führen möchten, das heißt — sei es endlich einmal in dürren Worten ausgesprochen — daß er infolge deiner sichtlichen Entfremdung freiwillig das Verhältnis lösen hilft; denn er verliert wahrlich nichts an deiner kalten Seele, die sich nur an äußere Erfolge klammert, aber er liebt dich und wird weit eher mit vollem Bewußtsein in eine unglückliche Ehe gehen, als sich von dir trennen — das beweist sein ganzes Verhalten —«
»Leider,« warf Flora über die Schulter herüber ein.
»Und aus dem Grunde werde ich zu ihm stehen und deine Machinationen vereiteln, wo ich kann,« vollendete Henriette mit zuckenden Lippen und gesteigerter Stimme.