Der mitleidige Seitenblick, mit welchem Flora das tief erregte gebrechliche Mädchen langsam maß, funkelte förmlich in grausamem Spott, aber es war auch, als käme ihr bei dieser Musterung eine überraschende Erkenntnis; sie legte plötzlich den rechten Arm um Henriettens Schulter, zog die Widerstrebende an sich heran und flüsterte ihr mit einem sardonischen Lächeln ins Ohr: »Beglücke du ihn doch, Kleine! Ich werde ganz gewiß keinen Einspruch erheben — davor bist du sicher.«

Bis zu welchem frevelhaften Uebermute konnte sich doch solch eine eitle Frauenseele versteigen, die sich gefeiert und heiß begehrt wußte! Käthe stand nahe genug, um das Gezischel zu verstehen, und so passiv sie sich auch bisher verhalten, jetzt sprühte ein ehrlicher Zorn aus ihren Augen.

Flora fing den Blick auf. »Schau, was das Mädchen für Augen machen kann! Verstehst du denn keinen Spaß, Käthe?« sagte sie halb amüsiert, halb betroffen. »Ich thue deinem verhätschelten Pflegling nichts, obschon ich das gute Recht hätte, Henriettens kleine Bosheiten endlich einmal derb abzufertigen ... Diese zwei Menschen,« sie zeigte auf den Kommerzienrat und Henriette, »bilden sich ein, über meine Sitten wachen zu müssen, und du, Jüngstes, eben aus dem Pensionsnest geschlüpft, Häkel- und Stricktouren und ein paar französische Brocken im Kopfe, hältst sofort zu ihnen und machst Front gegen mich — Närrchen, meinst du wirklich ein Urteil über deine Schwester Flora zu haben?« Sie lachte belustigt auf und streckte die Hand gegen einen der Nußbäume aus, von welchen eben eine Taube emporflog; der blendendweiße Vogel stieg hoch in den flimmernden Himmel hinein. »Siehst du, Kleine, eben noch hockte sie neben den anderen auf dem Aste dort, und die anderen waren ihresgleichen — und jetzt werfen ihre ausgebreiteten Flügel förmlich Silberfunken, und in der einsamen blauen Höhe wird sie eine selbständige stolze Erscheinung für die Menschenaugen drunten. Vielleicht lernst du dermaleinst verstehen, auf welche feurige, dürstende Menschenseele das Bild paßt. Apropos, Moritz,« unterbrach sie sich lebhaft und winkte den Kommerzienrat zu sich heraus auf den Söller, »dort hinter dem Gehölze muß ja wohl Brucks Acquisition, das alte Wirtschaftsgebäude, liegen — ich sehe starken Rauch über den Bäumen —«

»Aus dem einfachen Grunde, weil Feuer auf dem Herde brennt,« versetzte lächelnd der Kommerzienrat; »die Tante Diakonus zieht seit gestern ein.«

»In das verwahrloste Nest, wie es ist?«

»Wie es ist. Uebrigens war der Schloßmüller ein viel zu guter Wirt, um seine Gebäulichkeiten verfallen zu lassen; in dem Hause fehlt kein Nagel, kein Ziegel auf dem Dache.«

»Nun, Glück zu! Im Grunde ist die Sache so übel nicht. Die vorweltlichen Ausstattungsmöbel der Tante und das Bild des seligen Diakonus passen an die Wände; Platz genug für die Einmachbüchsen, und das Backobst wird ja auch da sein, und das Scheuerwasser fließt direkt und unerschöpflich am Hause vorbei.« Sie affektierte einen leichten Nervenschauer und nahm wie unwillkürlich den reich garnierten Kleidersaum auf, als fühle sie sich plötzlich auf einen frisch gescheuerten Dielenboden versetzt. »Es wird gut sein, die Thüren zu schließen,« sagte sie rasch in das Zimmer zurücktretend; »der Wind trägt den Rauch und Dampf herüber. Puh!« — ihre feinen Nasenflügel vibrierten, sie fuhr mit dem Taschentuche durch die Luft — »ich glaube wahrhaftig, die gute Frau backt ihre unvermeidlichen Pfannkuchen noch ehe sie einen Stuhl zum Niedersitzen im Hause hat — sie kann nun einmal das Schmoren und Backen nicht lassen.« Damit schlug sie die Thürflügel zusammen.

Währenddem hatte Henriette still das Zimmer verlassen. Bei Floras Geflüster war sie in jähem Aufschrecken emporgefahren wie jemand, der sich, plötzlich erwachend, vor einem tiefen Abgrunde findet. Seitdem hatte sie kein Wort mehr gesprochen, und nun war sie hinaufgestiegen in das oberste Gelaß des Turmes, wo die Tauben und Dohlen nisteten. Käthe griff nach ihrem Sonnenschirme — sie wußte, daß die Kranke stets allein sein wollte, wenn sie sich stillschweigend aus dem Kreise der anderen entfernte — das Turmzimmer aber mit den dicken Wänden, der erdrückenden Pracht und der gebieterisch auf und ab rauschenden, kapriziösen Schwester erschien ihr beklemmend unheimlich; war es doch, als fliege der Zündstoff zu Streit und Reibereien unausgesetzt durch die Luft, in der Flora atmete. Das junge Mädchen beschloß deshalb, rasch einen Gang zu Suse zu machen.

»Nun meinetwegen, da gehe in deine Mühle,« rief der Kommerzienrat ärgerlich, nachdem er vergeblich versucht hatte, sie zurückzuhalten, »aber erst sieh hierher!« Er zog seitwärts an einem schweren Gobelinbehange — dahinter, in einer tiefen Mauernische, stand ein neuer Geldschrank. »Der gehört dir, du Gebenedeite; das ist dein ‚Bäumlein rüttle dich, wirf Gold und Silber über mich!‘« sagte er, und seine Hand glitt förmlich liebkosend über das kalte Metall. »Alles, was dein Großvater an Haus und Hof, an Wald und Feld besessen hat, da drin liegt es, in Papier verwandelt. Diese Papiere arbeiten bienenfleißig Tag und Nacht für dich. Sie ziehen unglaubliche Geldströme aus der Welt in diesen stillen Winkel ... Der Schloßmüller hat seine Zeit wohl begriffen — das beweist sein Testament; aber wie fabelhaft seine Hinterlassenschaft in der Form anwachsen wird, das hat er schwerlich geahnt.«