Sie fuhr heftig zusammen. Flüchtig und unbedacht, wie sie war, hatte sie sich in ein sonderbares Licht gestellt. Daß sie die Blumen auf seinen Tisch gesetzt, mußte er offenbar für die Taktlosigkeit, die Zudringlichkeit eines unbesonnenen jungen Mädchens halten. Sofort blieb sie stehen und den feuchten Glanz unterdrückter Zornesthränen in den Augen, streckte sie die Hand zum Fenster empor — diese Bewegung machte den Doktor aufsehen.

»Wollen Sie die Freundlichkeit haben, mir die Blumen herauszugeben, Herr Doktor? Sie gehören mir; ich hatte sie für einen Moment aus der Hand gelegt und dann vergessen,« sagte sie, mühsam ihre Aufregung unter angenommener Ruhe verbergend.

Im ersten Moment schien es, als erschrecke er leicht beim Klange der Stimme, die ihn so unerwartet ansprach; es war ihm doch wohl unlieb, daß Käthe ihn beobachtet hatte, aber er unterdrückte augenblicklich die unangenehme Empfindung und sagte freundlich: »Ich werde Ihnen die Blumen bringen.« Diese tiefe gelassene Stimme entwaffnete sie sofort — er hatte ihr nicht wehe thun wollen.

Gleich darauf kam er die Stufen herab. Mit dem prächtig niederwallenden Bart, der breiten Brust und den gemessen edlen Bewegungen war und blieb er eine Gestalt, die man sich eigentlich nur in Uniform denken mochte, und wenn auch nur im grünen Weidmannsrock. Er reichte dem jungen Mädchen das Glas mit einer höflichen Verbeugung.

Sie nahm die Blumen heraus. »Es sind die ersten; kleine vorwitzige Dinger, die nicht schnell genug in die scharfe Aprilluft herauskommen können,« sagte sie lächelnd. »Man muß sich vielmal bücken und sie mühsam zusammensuchen, freut sich dann aber auch mehr daran als an einem ganzen Treibhaus voll Blumen.« — Nun erst war sie beruhigt; nun glaubte er ganz gewiß nicht mehr, daß sie auf die neue Verwandtschaft hin seinen Schreibtisch plump vertraulich attackiert habe.

Jetzt erschien auch die Tante am offenen Fenster. Sie entschuldigte sich und bat das junge Mädchen in warmen Worten, recht oft zu kommen.

»Fräulein Käthe geht ja schon in wenigen Wochen nach Dresden zurück,« antwortete der Doktor fast hastig an Käthes Stelle.

Sie stutzte. Hatte er Furcht, sie werde bei ihren Besuchen mit der ahnungslosen alten Frau über sein seltsames Verlobungsverhältnis sprechen? Diese Annahme verdroß sie, aber er that ihr so leid um seiner inneren Leiden willen, die er so streng in seiner Brust verschloß. Und sie konnte ihn nicht einmal beruhigen.

»Ich werde länger bleiben, Herr Doktor,« versetzte sie ernst. »Ja, es ist leicht möglich, daß sich mein Aufenthalt in Moritzens Hause über viele Monate ausdehnt. Als Henriettens Arzt werden Sie ja am besten beurteilen können, wann ich meine kranke Schwester ohne Sorge verlassen und zu meinen Pflegeeltern zurückkehren kann.«