»Sie wollen Henriette pflegen?«

»Wie es sich von selbst versteht,« ergänzte sie. »Schlimm genug, daß ihre Pflege bis heute ausschließlich in fremden Händen gewesen ist. Die Arme verbringt ihre Nächte lieber hilflos, als daß sie sich entschließt, Beistand herbeizurufen, weil die sauren, mürrischen Mienen der verschlafenen Gesichter sie beleidigen, weil sie zu stolz und vielleicht auch zu krankhaft reizbar ist, um sich ihre Abhängigkeit von Untergebenen so fühlbar machen zu lassen. Das darf nicht mehr vorkommen — ich bleibe bei ihr.«

»Sie denken sich die Aufgabe jedenfalls viel zu leicht — Henriette ist sehr krank;« er strich sich mit der Hand so langsam über die Stirn, daß die Augen für einen Moment nicht sichtbar waren; »es werden schwere, bange Stunden zu überwinden sein.«

»Ich weiß es,« sagte sie leise, und tiefe Blässe deckte sekundenlang ihr Gesicht. »Aber ich habe Mut —«

»Daran zweifle ich nicht,« unterbrach er sie, »ich glaube ebenso an Ihre Geduld wie an Ihre ausdauernde Barmherzigkeit, aber es läßt sich nicht ermessen, bis zu welchem Zeitpunkt die Kranke — keine Pflege mehr brauchen wird. Deshalb darf ich nicht zugeben, daß Sie die Sache so energisch in die Hand nehmen. Sie können es physisch nicht durchsetzen.«

»Ich?« Sie hob und streckte unwillkürlich ihre Arme und sah stolzlächelnd auf sie nieder. »Kommt Ihnen Ihre Befürchtung nicht selbst unmotiviert vor, wenn Sie mich ansehen, Herr Doktor?« fragte sie mit einem heiteren Aufblick. »Ich bin von derbem Schrot und Korn; ich bin nach meiner Großmutter Sommer geartet; die war ein Bauernkind, oder vielmehr ein Holzhackerstöchterlein, ist barfuß gelaufen und hat die Axt im Walde besser geschwungen als ihre Brüder — ich weiß es von Suse.«

Er sah von ihr fort zum offenen Fenster hinüber; da stand die alte Frau Diakonus selbstvergessen hinter ihren Hyazinthen und Narzissen, und ihr Blick hing wie verzaubert an dem Mädchen. — Sein Gesicht verfinsterte sich auffallend.

»Es handelt sich weniger um die Stahlkraft der Muskeln,« sagte er ausweichend. »Ein solches Pflegeramt mit seinen Aufregungen und Aengsten richtet sich feindlich gegen das Nervenleben — übrigens,« unterbrach er sich, »steht es mir ja gar nicht zu, bestimmend auf Ihre Entschlüsse einzuwirken. Das ist Sache Ihres Vormundes. Moritz soll entscheiden; er wird voraussichtlich darauf bestehen, daß Sie zur festgesetzten Zeit in das Haus Ihrer Pflegeeltern zurückkehren.« Der Doktor sprach die letzten Worte, ganz gegen seine gewohnte Milde und Gelassenheit, ziemlich schroff.

Die Tante zog sich unwillkürlich in das Zimmer zurück; Käthe dagegen blieb ruhig stehen. »Aber warum denn so unbeugsam, Herr Doktor? Warum wünschen Sie denn, daß Moritz gar so hart mit mir verfährt?« fragte sie mädchenhaft sanft. »Will ich denn Böses? Und sollte Moritz wirklich die Befugnis zustehen, mich von der Erfüllung meiner schwesterlichen Pflicht abzuhalten? Ich glaube es nicht ... Nun weiß ich aber einen Ausweg: Veranlassen Sie Henriette, mich nach Dresden zu begleiten! Dort teile ich mit meiner Doktorin die Pflege der Patientin; das wird doch meinen Nerven nicht schaden?« Sie lächelte ganz leise.

»Gut, ich werde einen Versuch machen,« sagte er sehr bestimmt.