»Dann gebe ich Ihnen mein Wort, daß ich sobald wie möglich auf und davon fliegen werde,« versetzte sie ebenso fest mit einem sprechenden Blick, vor dem er, wie auf einem Unrecht ertappt, die Augen niederschlug.

Die Tante bog sich plötzlich aus dem Fenster und sah dem Doktor erstaunt und beweglich in das Gesicht — er war ja merkwürdig schweigsam. Da stand er nun und löste einige verdorrte Weinranken vom Spalier, die der Zugwind hin und her schaukelte, und sagte keine Silbe mehr.

»Gehen Sie denn so gern?« fragte die alte Frau sichtlich verlegen mit liebreichem Vorwurfe.

Käthe zog eben den in den Nacken gesunkenen Schleier wieder über den Kopf und knüpfte ihn fest unter dem Kinn. Wie eine Pfirsichblüte leuchtete ihr Gesicht aus dem dunkeln Gewebe. »Soll ich aus Höflichkeit ‚nein‘ sagen, Frau Diakonus?« fragte sie lächelnd zurück. Sie schüttelte den Kopf. »Ich glaube, ich bin leidlich vernünftig für die Welt und ihre Dinge, wie sie nun einmal sind, erzogen, aber all und jede Kaprice der Individualität fegt auch die strengste Zucht nicht aus den Seelenwinkeln. Ich stehe z. B. der Großmama meiner Schwestern heute genau so verwunderlich fremd gegenüber, wie damals, wo ich ihr auf Befehl meines Vaters die Hand küssen mußte; ich stoße mich insgeheim konsequent an Ecken und Eckchen, die für andere nicht da sind, und welche mich schon als Kind gequält und beunruhigt haben. Und wie durchkältet ist mein Vaterhaus!« — sie schauerte — »man steht mit seinen warmen Füßen auf zu viel Marmor. Dazu ist Moritz ein so entsetzlich vornehmer Mann geworden« — zwei schelmische Grübchen zeigten sich auf ihren Wangen — »man erschrickt und schämt sich ja förmlich, wenn einem die eigene kahle Visitenkarte vor die Augen kommt ... ja, meine liebe Frau Diakonus, ich kehre herzlich gern nach Dresden zurück, vorausgesetzt, daß Henriette mich begleitet; außerdem« — sie wandte sich, aus dem scherzenden Tone in einen sehr entschiedenen übergehend, wieder an den Doktor — »außerdem werde ich mein möglichstes thun, mich in die gegebenen Verhältnisse zu schicken und zu bleiben, selbst auf die Gefahr hin, daß Moritz mich zwangsweise nach Dresden zu befördern versucht.«

Sie grüßte herzlich zu der alten Dame hinüber, verbeugte sich leicht gegen den Doktor und verließ den Garten, um doch noch in die Schloßmühle zu gehen, obgleich bereits der Abend hereinbrach.


8.

Und nun war es ganz dunkel geworden; auf dem Turme der Spinnerei hatte es sieben geschlagen, und Käthe saß noch in dem einen Bogenfenster der Schloßmühlenstube. Sie hatte zwar vorher auf Susens dringende Bitte hin den Wäscheschrank inspiziert; die Alte traute der Müllerfrau nicht, die pflegend ab und zu ging, und behauptete, nach schöner, »selbstgesponnener« Wäsche mache »jede« lange Finger; dann hatte sie, wie bisher jeden Tag, die Abendsuppe gekocht und die Kranke zu Bett gebracht, die, wenn auch bedeutend wohler, doch noch sehr unbehilflich und schwach war ... Nun aber saß das junge Mädchen doch schon lange Zeit, die Hände feiernd im Schoße gefaltet, still in der Fensterecke und ließ sich von den Schatten des Abends förmlich einspinnen. So gut wurde es ihr drüben im Hause des Kommerzienrates nicht; da gab es kein Erholungsdämmerstündchen wie in Dresden. Sobald die Sonne erloschen, sanken unerbittlich die Rouleaus unter den Händen der Dienerschaft; die Gasflammen schlugen auf und eine blendende Lichtflut jagte den Schatten auch aus den fernsten Ecken.