Sie sprach zum erstenmal vom Sterben, und es war gut, daß die klavierspielenden Finger drüben in erneuter Kraft über die Tasten flogen und die drei alten Herren am Kamin im lebhaften Disput ihre Stimmen erhöhten; denn der letzte Ausruf der Kranken hatte laut und leidenschaftlich geklungen; Käthe stieß sie verstohlen an — die Präsidentin warf einen scharfen mißbilligenden Blick über die Augengläser hinweg nach dem Theetisch. Henriette nahm sich augenblicklich zusammen. »Ah bah, kann mir das jemand verdenken?« sagte sie frivol und spöttisch die Achseln emporziehend. »Niemand stirbt gern allein. Der Arzt ist dazu da, daß man bis zum letzten Augenblick Hoffnung aus seinem Zuspruch schöpft.«

Käthe wußte genug. Die Kranke ging nicht mit ihr nach Dresden. Sie wies die Tasse Thee zurück, die ihr Henriette mit hastigen Händen füllte, und zog eine angefangene kleine Stickerei aus der Tasche.

»Ach, lasse den Kram doch stecken!« sagte Henriette ungeduldig. »Glaubst du, ich bleibe gefälligst hier sitzen und sehe in grenzenloser Langmut zu, wie du den weißen Faden aus- und einziehst?« Sie erhob sich und schob ihren Arm in den der Schwester. »Gehen wir in das Musikzimmer! Margarete Giese schlägt uns noch das Instrument und die Nerven entzwei, wenn wir der Quälerei nicht ein Ende machen.«

Sie gingen in den anstoßenden Salon, aber die Dame am Klavier, die in ihren eigenen Leistungen schwelgte, blieb unangefochten ... Die breite Flügelthür, die in Floras Arbeitszimmer führte, stand, wie gewöhnlich an den kleinen Empfangsabenden, weit offen; man konnte das ganze große Zimmer übersehen. Es erschien mit seinem gedämpften Ampellicht fast dämmerig neben den brillant erleuchteten anderen Räumen, und seine dunkle Purpurfarbe nahm in den Ecken ein düsteres Schwarz an.

Flora stand mit nachlässig verschlungenen Händen am Schreibtisch, während der Kommerzienrat bequem im nächsten Fauteuil lag. Doktor Bruck aber blätterte stehend in einem Buche. Er sah ungewöhnlich bleich aus; der von oben herabfallende Lampenschein ließ zwei finstere Stirnfalten und einen tiefen Schatten unter seinen Augen scharf hervortreten, und doch erschien sein ausdrucksvoller Kopf merkwürdig jung im Vergleich zu der schönen Braut.

Henriette ging ohne weiteres hinüber — das Brautpaar war ja nicht allein — Käthe aber, welche sie mit sich zog, setzte nur zögernd den Fuß auf die Schwelle; Floras Mienen stießen sie zurück; es lag etwas Zornmütiges, Ungeduldiges darin. Sie war offenbar sehr übler Laune. Ihr Blick lief auch sofort mit sarkastischem Ausdruck über die Gestalt der Schwester hin, die heute zum erstenmal das monotone Schwarz der Kleidung mit dem hellen Grau der Halbtrauer vertauscht hatte.

»Komm nur herüber, Käthe!« rief sie, ohne ihre Stellung zu verändern. »Bist zwar wie gewöhnlich in starrer Seide, siehst aus wie ein papierner Christengel und machst den robustesten Menschen nervös mit dem ewigen Rauschen und Knistern. Sage mir nur um des Himmels willen, warum du immer diese entsetzlich schweren Stoffe trägst,« unterbrach sie sich, »die passen doch zu deinem Küchenamt in Dresden wie die Faust aufs Auge.«

»Das ist meine Schwäche, Flora,« antwortete Käthe ruhig lächelnd. »Es mag schon kindisch sein, aber ich höre so gerne Seide um mich rauschen — es klingt so majestätisch. Bei meinem ‚Küchenamt‘ trage ich sie selbstverständlich nicht, wie du dir wohl selbst sagen wirst.«

»Schau, wie stolz sie das ‚Küchenamt‘ zugibt! Närrisches Ding! Ich möchte dich einmal sehen in der Leinenschürze hinter rußigen Töpfen. Nun, jeder nach seinem Geschmack — ich danke.« Ihre großen grauen Augen richteten sich langsam und lauernd auf das Gesicht des Doktors, der eben ruhig das Buch zuschlug und es auf den Tisch zurücklegte.

Käthe fühlte, wie sich Henriettens kleine Hand auf ihrem Arm zur Faust ballte. »Ach, geh doch, Flora!« rief sie scheinbar heiter und amüsiert; »vor noch fünf Monaten hast du oft genug zwischen Christels Kochtöpfen drunten in der Küche gewirtschaftet — ob gerade geschickt, das will ich nicht behaupten — aber das gutgemeinte Bestreben und die hübsche weiße Latzschürze stand dir prächtig.«