Flora biß sich auf die Lippen. »Du faselst wie gewöhnlich und bist damals nicht fähig gewesen, eine scherzhafte Anwandlung als das zu nehmen, was sie hat sein sollen — eine kleine Kaprice.« Sie schlug die Arme unter, und den Kopf gedankenvoll gesenkt, ging sie langsam einige Schritte an den Fenstern hin. Sie sah sehr schön aus in der weißen Alpakaschleppe, die ihr lang und weich nachfloß.

Der Kommerzienrat sprang auf. »Nun, Flörchen, ist es dir gefällig, mit hinüber zu kommen?« fragte er. »Der Salon ist heute zum Verzweifeln leer — aus guten Gründen; es ist ja diplomatische Soiree beim Fürsten,« beruhigte er sich selbst. »Wir müssen aber ein wenig Leben hineinzubringen suchen, sonst haben wir die Großmama einige Tage verstimmt und schlecht gelaunt.«

»Ich habe mich bereits für eine halbe Stunde noch entschuldigt, Moritz,« sagte sie ungeduldig. »Ich muß den Artikel, den ich unter der Feder habe, heute noch schließen. Das Manuskript läge längst fertig da, wenn Bruck nicht dazwischen gekommen wäre.«

Der Doktor war an den Schreibtisch getreten. »Eilt das so sehr? Und weshalb?« fragte er, nicht ohne einen leisen Anflug von Humor in Gesicht und Stimme.

»Weshalb, mein Freund? Weil ich mein Wort halten will,« versetzte sie spitz. »Ah, das amüsiert dich! Es ist allerdings nur Frauenarbeit, und du begreifst natürlich nicht, wer in aller Welt auf eine solche Bagatelle warten mag.«

»So denke ich nicht über die Frauenarbeit im allgemeinen —«

»Im allgemeinen!« persiflierte sie hart auflachend. »Ach ja, der allgemeine, landläufige Begriff: Kochen, Nähen, Stricken —« zählte sie an den Fingern her.

»Du hast mich nicht ausreden lassen, Flora,« sagte er gelassen. »Ich bezog mich ebensowohl auf die geistige Thätigkeit wie auf die Handarbeit. Ich stehe der Frauenfrage durchaus nicht fern und wünsche, wie alle Billigdenkenden, daß die Frau die Mitstrebende, die verständnisvolle Gehilfin des Mannes auch auf geistigem Gebiete werde.«

»Gehilfin? Wie gnädig! Wir wollen aber keine Gnade, mein Freund; wir wollen mehr; wir wollen Gleichstrebende, Gleichberechtigte nach jeder Richtung hin sein.«

Er zuckte die Achseln und lächelte; sein interessantes Gesicht erschien durch dieses Gemisch von leisem Spott und nachsichtiger Milde ungemein beseelt. »Das ist ja die höchste Potenz der modernen Ansprüche und Forderungen, von der sich die Verständigen längst wieder abgewendet haben, und welche die Freunde des Fortschrittes auf staatlichem und religiösem Boden bekämpfen werden, solange die Frauenwelt Exzesse begeht, wie die Bet-Orgien in den Straßen der amerikanischen Städte, solange sie urteilslos und fanatisch mit dem schwarzen Heer der Beichtväter zu gehen pflegt. Das hieße ein mörderisches Messer in eine kleine, unvorsichtige Hand drücken.«