Flora erwiderte kein Wort. Sie war marmorweiß geworden. Anscheinend gleichmütig nahm sie eine Stahlfeder, probierte sie auf dem Daumennagel und steckte sie in den Federhalter. Dann zog sie einen Kasten auf und ergriff mit etwas unsicher tappender Hand einen kleinen Gegenstand.

Henriette riß plötzlich mit einem gewaltsamen Ruck ihren Arm aus dem der Schwester und trat einen Schritt vorwärts, während der Kommerzienrat so rasch aus dem Zimmer ging, als habe er etwas zu besorgen vergessen. Käthe erschrak — sie sah, wie die edelgeformten Finger dort leicht bebend nach dem Federmesser griffen und die Spitze der aus dem Kasten genommenen Cigarre abschnitten.

»Auch ein Messer, das wir nicht führen sollen, zu diesem Zweck nämlich,« sagte Flora mit erzwungenem Scherz halb über die Schulter nach dem Doktor hin, der während des Sprechens einmal im Zimmer auf und ab gegangen war. »Aber merkwürdigerweise hat unser um acht Lot ärmeres Frauengehirn doch das mit den Herren der Schöpfung gemein, daß es schärfer denkt und angeregter arbeitet — beim Rauchen.« Sie brannte die Cigarre an und schob sie zwischen die nervös lächelnden Lippen.

Die Klavierspielerin im Nebenzimmer hatte längst ihre rauschende Salonpiece geschlossen und trat in diesem Augenblick auf die Schwelle des Salons. »Flora, du rauchst, du, die den Cigarrenqualm nie ausstehen konnte!« rief sie und schlug lachend die Hände zusammen.

»Meine Braut scherzt,« sagte Doktor Bruck vollkommen ruhig. Er trat wieder an den Schreibtisch. »Sie wird es bei diesem einen Versuch bewenden lassen; ein Mehr könnte ihr teuer zu stehen kommen.«

»Willst du es mir verbieten, Bruck?« fragte sie in kaltem Tone, aber in ihren Augen glomm ein unheimliches Feuer auf. Sie hatte die Cigarre für einen Moment aus dem Munde genommen und hielt sie zierlich zwischen den Fingern.

Der Doktor schien nur darauf gewartet zu haben. Mit unzerstörbarem Gleichmut, ohne alle Hast nahm er ihr die Cigarre aus der Hand und warf sie in den Kamin. »Verbieten, als dein Verlobter?« wiederholte er achselzuckend. »Noch steht mir das Recht nicht in dem Maße zu. Ich könnte dich bitten, aber ich bin kein Freund von Wiederholungen und unnützen Worten; du hast ja gewußt, daß ich die Cigarre im Frauenmunde verabscheue. In diesem Falle verbiete ich sie einfach als Arzt — du hast alle Ursache, deine Lunge zu schonen.«

Flora stand einen Augenblick wie erstarrt vor seiner Kühnheit, und jetzt, bei seinen letzten Worten, durchzuckte es sie sichtlich; aber sie beherrschte sich sofort. »Das ist ja eine haarsträubende Diagnose, Bruck,« rief sie spöttisch lächelnd. »Und davon hat mir der abscheuliche Medizinalrat, der mich seit meiner Kindheit behandelt, nicht ein Wort gesagt. Ach was, damit schreckt man Kinder! Uebrigens habe ich keine Ursache, das Leben so zu lieben, daß ich mir zu seiner Erhaltung irgend einen Genuß versagen möchte — im Gegenteil! Ich werde nach wie vor rauchen; es ist mir dies bei meinem schriftstellerischen Beruf nötig, und dieser Beruf ist mein Glück, mein moralischer Halt; in ihm lebe und atme ich —«

»Bis dich ein unvermeidlicher Wendepunkt deinem eigentlichen Beruf zuführt,« warf der Doktor ein. Seine Stimme klang hart wie Stahl.