Ein erschreckendes Rot überflammte ihr Gesicht; sie öffnete die Lippen zu einer schneidigen, rücksichtslosen Antwort, aber ihr Blick fiel auf Fräulein Giese, die Klavierspielerin, das mokante Hoffräulein, das mit spitzem Gesicht und spitzen Schultern vorgeneigt auf der Schwelle stand, als sauge sie mit Ohren und Augen, ja mit allen Poren aus diesem scharfen Wortwechsel und den verlegenen Gesichtern der Umstehenden das Material zu einem vergnüglichen Hofklatsch, und der war nichts weniger als erwünscht. Flora wandte sich plötzlich mit einer graziös schmollenden Bewegung ab. »Ach, geh doch, Bruck!« schalt sie. »Wie prosaisch! Kommst eben von einer Vergnügungsreise zurück, hast dich amüsiert —«

Sie verstummte — Bruck hatte mit festem Druck ihr Handgelenk umfaßt. »Willst du die Freundlichkeit haben, meinen Beruf aus dem Spiel zu lassen, Flora?« fragte er, seine Worte scharf markierend.

»Ich sprach von Vergnügen,« antwortete sie impertinent und zog ihre Hand aus der seinen.

Das Gesicht der Präsidentin mit seinem kühlen Ausdruck war Käthe zu allen Zeiten unsympathisch und flößte ihr bei einem unerwarteten Entgegentreten stets eine Art von scheuem Schrecken ein; in diesem Augenblick aber atmete sie freier auf, als die alte Dame plötzlich in das Zimmer trat. Sie kam ungewöhnlich rasch, sichtlich verdrießlich und ärgerlich. »Ich werde wohl künftig meine Spieltische hierher stellen müssen, wenn ich nicht will, daß meine Freunde vernachlässigt werden,« sagte sie in sehr gereiztem Tone. »Wie kannst du zu so früher Stunde schon die Theemaschine im Stiche lassen, Henriette? Es wird mir nichts übrig bleiben, als meine Jungfer dahinter zu setzen. Und dich, Flora, begreife ich nicht, wie du dich an den Schreibtisch zurückziehen magst, wenn wir Gäste haben. Wirst du wirklich von deinem Verleger so gedrängt, daß du abends arbeiten mußt, dann schließe deine Thür, wenn die Sache nicht sehr nach Ostentation und gelehrter Koketterie aussehen soll!« Sie mußte sehr aufgebracht sein, daß sie sich so unumwunden vor einer Dame vom Hofe aussprach.

Flora legte ihr Manuskript zurecht und tauchte die Feder ein. »Beurteile das, wie es dir beliebt, Großmama!« sagte sie kalt. »Ich kann nicht dafür, daß man mich hier aufsucht, und säße längst mit Aufopferung meiner selbst an einem deiner grünen Tische, wenn man mich nicht gestört hätte.«

Henriette schlüpfte an der Präsidentin vorüber und winkte Käthe verstohlen, ihr zu folgen. »Diese Aufregungen töten mich,« flüsterte sie drüben im leeren Musikzimmer.

»Sei ruhig! Flora kämpft vergeblich; er zwingt sie doch zu seinen Füßen,« sagte Käthe mit eigentümlich erregter Stimme. »Aber ihn begreife ich nicht. Wäre ich ein Mann wie er —« Sie richtete sich mit flammenden Augen hoch und stolz empor.

»Weißt du, wie die Liebe thut, Käthe? Richte nicht! Du mit deinem kühlen Blicke und blumenfrischen Gesichte bist noch unberührt von dem rasenden Rausche, der die Menschenseele erfaßt.« Sie unterbrach sich und schöpfte tief und mühsam Atem. »Du weißt ja nicht, wie hinreißend und verführerisch Flora sein kann, wenn sie will; du kennst sie nur in ihrer jetzigen nichtswürdigen Rolle, diese feige, selbstsüchtige, erbarmungslose Seele. Wer sie einmal Liebe gebend gesehen hat, der begreift, daß ein Mann eher den Tod sucht, als daß er sie aufgibt.«