»Aber sie schreit ja wie närrisch,« sagte eine Jungenstimme.
»Ach was, das Piepen hört kein Mensch.« Die Frau hatte eine breite Stumpfnase und kleine, boshafte Augen und überragte in hünenhafter Länge alle anderen.
Jetzt sprach Flora — Käthe erkannte kaum ihre Stimme.
Ein vielstimmiges Hohngelächter antwortete ihr.
»Aus dem Wege gehen?« wiederholte das große Weib. »Das ist der Stadtforst, Fräulein; da kann der ärmste Bürger spazieren gehen so gut wie die großen Herren — den will ich sehen, der mich da vertreibt.« Sie stellte sich noch breitspuriger hin. »Da guckt her, ihr Leute! Unsereins sieht das Gesicht sonst nur in der stolzen Kutsche, wenn die Pferde um die Ecken rennen und den armen Leuten am liebsten die Beine wegfahren möchten .... Ein schönes Frauenzimmer sind Sie, Fräulein — das muß Ihnen der Neid lassen. Alles Natur, nichts angestrichen; eine Haut wie Samt und Seide — neinbeißen möchte man.« Sie bog den Kopf dicht neben das weiße Hütchen.
Die Frau, die vor Käthe hergelaufen war, wühlte sich förmlich in den Kreis. »Da kommt noch eine!« rief sie und zeigte mit dem Finger auf das junge Mädchen zurück.
Die Nächststehenden fuhren herum und traten unwillkürlich auseinander. Da stand Schwester Flora, weiß wie Schnee auf Wangen und Lippen; man sah ihre Kniee wanken — sie rang sichtlich nach der gewohnten stolzen Haltung.
»Die geht uns nichts an,« schrie ein Junge und wandte Käthe den Rücken; der Kreis schloß sich wieder, noch enger, dichter als vorher.
»Käthe!« rief Henriette in hilfloser Angst hinter der Mauer von Menschenleibern, aber der Ruf wurde sofort erstickt; man hörte deutlich, daß ihr eine Hand auf den Mund gepreßt wurde. In demselben Moment taumelten drei, vier Jungen rechts und links. Käthe stieß mit kraftvollen Armen selbst das Hünenweib auf die Seite und trat vor ihre Schwestern. »Was wollt ihr?« fragte sie mit lauter, fester Stimme.