»Dann werde ich mich anschließen,« sagte Flora. »Ich brauche auch Luft, Luft, um nicht zu ersticken unter der Last von Widerwärtigkeiten, die mir das Schicksal aufbürdet.«
Sie reichte der Präsidentin den Arm, um sie die Treppe hinabzuführen.
Henriette stampfte zornig mit dem Fuße; sie hätte weinen mögen vor Aerger, aber verhindern konnte sie es doch nicht, daß die schöne Schwester nach Tische im weißen Filzhütchen, den Palmblattfächer in der Hand, erschien, um sie auf dem Waldspaziergange zu begleiten.
Es war ein herrlicher Apriltag mit wolkenlos blauem Himmel, mit glitzerndem Sonnengolde auf Weg und Steg und dem Dufte der ersten Veilchen in seinen samtweichen Lüften. Noch war es hell in dem Streifen Laubwald, der den schwarzgrünen Mantel des Tannenforstes gleichsam verbrämte, so hell, als sei die Kuppel von diesen sonst so wonnig dunkelnden Säulengängen genommen; noch lag das machtvolle Grün, das die knorrigsten Aeste bewältigt und sie geschmeidig jung aussehen macht, zu Milliarden weicher Flöckchen zusammengedrückt, im engen, braunen Schrein der Knospen; nur das feinzweigige Unterholz umschleierte ein bläßlich grüner Hauch, und aus den feuchten Moospolstern reckten sich langstielige weiße Glöckchen. Diesen kleinen hellen Blumen ging Käthe pflückend nach, während Flora und Henriette auf dem schmalen Wege blieben, der nach dem Tannengrunde führte.
Still war es heute nicht im Walde — es war der Tag, an welchem sich die Armen der Stadt das dürre Holz holen durften. Man hörte das Einknicken verdorrter Aeste, das gegenseitige Zurufen von Menschenstimmen, und tief im Gestrüpp stand Käthe plötzlich vor einem braunen Weibe, das eben einen abgesägten armstarken Buchenast zu Boden riß. War es, weil sie grünes statt des erlaubten dürren Holzes in den Händen hielt, oder machte ihr die unerwartet hervortretende Erscheinung selbst einen zornerregenden Eindruck — sie warf unter dem lilafarbenen Tuch hervor, das sie um den Kopf gebunden hatte, einen wilden Blick auf das junge Mädchen; in der Art und Weise aber, wie sie, kerzengerade aufgerichtet, mit dem Ast gleichsam spielend über den Boden hin- und herfegte, lag eine freche Herausforderung.
Käthe fürchtete sich nicht im geringsten; sie bückte sich, um eine ganze Familie Anemonen unter dem nächsten Strauche zu pflücken; in diesem Augenblicke drang vom Wege her ein vereinzelter Ruf, ein schwacher Laut, dem ein Tumult von geflissentlich gedämpften Stimmen folgte.
Das Weib horchte auf, schleuderte den Ast fort und schlug sich in der Richtung des Lärms quer durch das Untergesträuch. Und jetzt zitterte der Aufschrei wieder herüber — es war Henriettens krankhaft verschleierte, dünne Stimme. Käthe folgte der Frau auf den Fersen; die Dornen rissen ihr Fetzen vom Kleide und die Büsche, die das Weib mit kräftigen Armen teilte, schlugen zurückschnellend und klatschend in ihr Gesicht, aber sie kam rasch heraus auf den Weg.
Zuerst sah sie nur einen Knäuel von Weibern und zerlumpten Jungen, der sich um den Stamm einer Kiefer drängte; bei den heftigen Bewegungen der Versammelten aber teilte sich da und dort das Konglomerat von struppigen Haaren und schmutzigen Kopftüchern und ließ Floras weißes Hütchen mit der emporstehenden blauen Feder auftauchen.
»Laß den Zwerg los, Fritz!« rief ein bärenhaftes Weib.