Es war am siebenten Tage nach der Abreise des Kommerzienrates, als die Nachricht aus Berlin eintraf, daß die Spinnerei verkauft sei. Die Präsidentin war von dieser Neuigkeit so angenehm berührt, daß sie, noch im Kaschmirschlafrocke, mit dem Briefe in der Hand, die Treppe zur Bel-Etage hinaufstieg und in Henriettens Zimmer trat, wo sich auch Flora kurz vorher eingefunden hatte.
Die alte Dame setzte sich in einen Lehnstuhl und erzählte. »Gott sei Dank, daß Moritz ein Ende macht!« sagte sie heiter gestimmt. »Er hat ein brillantes Geschäft abgeschlossen; das Etablissement wird ihm so horrend bezahlt, daß er selbst ganz überrascht ist.« Sie legte die feinen Hände gefaltet auf den Tisch und sah unendlich zufrieden aus. »Er wird nun ganz und gar mit seiner kaufmännischen Vergangenheit brechen. Damit fallen auch die fatalen Rücksichten für die sogenannten Geschäftsfreunde weg; denkt nur zurück, wie oft wir ungehobelte Gäste beim Diner gehabt haben, die besser am Domestikentische gesessen hätten! Mein Gott, waren das peinliche, verlegene Momente! Ach ja, man hat sich so manchmal stillschweigend überwinden müssen.«
Käthe stand währenddem am Fenster. Von dieser Stelle aus konnte man das große Fabrikgebäude inmitten seiner unvollendeten neuen Anlagen liegen sehen. Der weite Kiesplatz vor dem Hause wimmelte von Menschen, von Männern, Weibern, Kindern, die aufgeregt durcheinander fuhren und gestikulierten. Die Maschinen standen verlassen; es mochte kein einziger Arbeiter in den Sälen verblieben sein.
Das junge Mädchen am Fenster deutete betroffen hinüber.
»Weiß schon,« sagte die Präsidentin lächelnd; sie erhob sich und trat an das Fenster. »Der Kutscher hat mir eben im Korridore Meldung gemacht, es solle sehr laut da drüben zugehen. Man ist außer sich, daß die Spinnerei an eine Aktiengesellschaft verkauft worden ist, deren Direktorium hauptsächlich aus Juden zusammengesetzt sein soll. Ja, ja, so geht's, die guten Leute ernten nun, was sie gesäet haben. Moritz hätte auf keinen Fall so überraschend schnell Tabula rasa gemacht; sein Herz hing ja in für mich unbegreiflicher Weise an der Spinnerei, aber die letzten Vorgänge haben ihm den Besitz gründlich verleidet, er will mit der Sache nichts mehr zu thun haben.«
»Das sieht genau aus, als habe er sich gefürchtet, der gute Moritz,« meinte Flora mit verächtlich sich wölbenden Lippen. »Ich für meinen Teil hätte gerade in diesem Momente die Fabrik nicht für Millionen hingegeben; erst mußten die Kläffer sich überzeugen, daß ihr Lärmen umsonst gewesen sei, daß man ihre Schreckschüsse verlache. Der Grimm schnürt mir den Hals zu, wenn ich mir denke, es könnte nun heißen, die Drohbriefe an mich hätten uns eingeschüchtert.«
»Sei ruhig, Flora! Das glaubt niemand von dir; man sieht dir die Soldatenkourage und Zuversicht auf hundert Schritte an,« spottete Henriette.
Die schöne Schwester rauschte schweigend nach der Thür; sie ignorierte ja derartige Bemerkungen der Kranken stets mit einem kalten Lächeln, und auch die Großmama erhob sich, um Toilette zum Diner zu machen.
»Bruck hat dir für heute einen kleinen Spaziergang erlaubt, Henriette?« fragte die alte Dame, sich an der Thür noch einmal zurückwendend.
»Ich soll mich ein wenig im Stadtforste ergehen, um Tannenharzluft zu atmen.«