Seit dem Gesellschaftsabend war eine Woche verstrichen; »eine entsetzlich fatigierende Woche!« seufzte erschöpft die Präsidentin und schalt gleich darauf nachdrücklich und energisch ihre Schneiderin, daß sie die Toilette zu dem achten dieser ermüdenden Tage nicht elegant genug arrangiert habe, daß die Schleppe absolut zu kurz, die Spitzen nicht breit genug, die Stoffe allzu leicht seien. Es waren mehrere große Damenthees und Kaffeegesellschaften in den höchsten Kreisen zu bewältigen gewesen; außerdem hatte Flora zu lebenden Bildern, die bei einem kleinen Hoffest gestellt wurden, die Verse machen und sprechen müssen, »man war kaum zu Atem gekommen«.
Henriette mußte aus Rücksicht auf ihr verschlimmertes Kranksein dieses aufregende Treiben streng meiden, und Käthe blieb, obgleich sie stets sehr freundlich mit eingeladen wurde, konsequent bei ihr zu Hause. Dann tranken sie den Thee allein im Musikzimmer, und Käthe erzählte Schnurren und spielte Klavier, um Henriettens Trübsinn zu verscheuchen. So scharf auch die Urteilskraft der Kranken war, so tief sie auch das Oberflächliche, die wehende Kühle in dem gesellschaftlichen Leben und Treiben empfand, sie war und blieb doch das Kind der vornehmen Welt; sie war im Salon unter den aristokratischen Freunden der Großmama aufgewachsen, und so sagte sie oft bitter lächelnd, wenn zur Thee- oder Theaterstunde das Getöse der rollenden Wagen von der Stadt fern herüberscholl, ihr sei zu Mute wie einem invaliden Streitroß, das, lahm und schwach, beim Signal die Ohren spitze und um alles gern mitlaufen möchte.
Blendend wie eine Fee schwebte Flora abschiednehmend durch das Musikzimmer. Sie hatte meist eine Unmutsfalte zwischen den Brauen und ein Spottlächeln auf den Lippen, das den jugendlich knappen Toiletten der Großmama galt; sie beklagte die verlorene kostbare Zeit, aber sie warf den schützenden Schleier über die blumengeschmückten Locken, nahm die Schleppe auf und ging, um draußen den wartenden Wagen zu besteigen und — »sich zu opfern«.
Der Kommerzienrat war vor sechs Tagen in Geschäften nach Berlin gereist. Er schrieb täglich an die Präsidentin »wahrhaft goldtrunkene Briefe«, sagte sie bedeutungsvoll lächelnd. Vorgestern aber waren prachtvolle Boukette an die drei Schwägerinnen gekommen, und da hatte die Frau Präsidentin nicht gelacht. Für Flora und Henriette hatte der galante Schwager Kamelien und Veilchen binden lassen, Käthes Rosenstrauß dagegen strotzte von Orangenblüten und Myrten. Der Präsidentin wäre wahrscheinlich die zarte Sprache aus der Ferne entgangen; sie nahm achtlos die Boukette aus der Kiste und war eben im Begriff, die zwei für Henriette und Käthe bestimmten hinaufzuschicken, als Flora, sich schüttelnd vor Lachen, mit dem Finger auf das ausdrucksvolle Blumenarrangement zeigte. Da wurde das Gesicht der alten Dame lang und fahl wie noch nie in ihrem ganzen langen Leben. »Aber, Großmama, hast du denn wirklich geglaubt, Moritz werde sich den Adel mit solchen Unsummen erkaufen, um dann sein Geschlecht aussterben zu lassen?« rief Flora in ihrer übermütigen, frivolen Scherzweise. »Du hättest doch wissen müssen, daß ein Mann wie er, noch ziemlich jung, reich und stattlich, nicht zeitlebens Witwer bleiben wird! Und er freit nicht vergeblich um Käthe — das weiß ich am besten.«
Mit diesem kleinen Zwischenfall trat plötzlich ein Spukwesen in der Villa Baumgarten auf. Käthe ahnte sein Dasein nicht; sie hatte die aus Draht gebundenen Blumen mit frischem Wasser bespritzt, um sie nicht so rasch verschmachten zu lassen, und das Boukett auf das Fensterbrett gestellt, ohne die bedeutungsvolle Blumenschrift verstanden zu haben. Durch die Gemächer der Präsidentin aber wandelte die graue dräuende Gestalt; sie verdüsterte den Glanz der vielfach beneideten Seidensamt-Möbel, der Goldbronzen und der unschätzbaren Meißner Porzellangarnitur; sie saß im Wintergarten auf dem Lieblingsplatz der Präsidentin und vergällte ihr den Genuß an allem, was ihr das Leben schmückte. Die alte Dame sorgte um ihre Zukunft, als habe sie erst die Hälfte ihres Lebens hinter sich; der Kommerzienrat durfte sich nicht wieder verheiraten; er war ihr das schuldig. Sie hatte ihn durch ihre Konnexionen, ihren gesellschaftlichen Einfluß erst zu dem gemacht, was er geworden war; sie hatte mit ihrem unvergleichlichen Geschmack sein Haus zu einem kleinen Schloß umgestaltet, das selbst den verwöhntesten Hofleuten imponierte, und war es ihrerseits nicht ein bedeutendes Opfer, ein Akt der Selbstüberwindung gewesen, mit welchem sie sich an die Spitze seines damals noch ziemlich simplen, bürgerlichen Hauswesens gestellt? Und nun, als sich alles so gefügt, wie sie gewünscht und unablässig erstrebt hatte, nun sollte es plötzlich eine junge Frau von Römer geben, die hier unten in den prachtvollen Räumen empfing — und wer die Frau Präsidentin Urach sehen wollte, der mußte hinaufsteigen in »das Auszugsstübchen«, das man »der Großmama« eingeräumt. Nicht einmal Flora, das Kind ihrer eigenen Tochter, hätte sie an dieser Stelle sehen mögen, geschweige denn die Enkelin des Schloßmüllers. Die Frau Präsidentin sprach mit einemmal sehr interessiert von Käthes Heim in Dresden; sie zeigte sich so besorgt, daß das wundervolle musikalische Talent vier Wochen lang brach liegen müsse, und ging mit der Idee um, das junge Mädchen in höchsteigener Person nach Dresden zurückzubringen.
Käthe ließ alle diese ausgesuchten Höflichkeiten schweigend über sich ergehen. Sie wollte abwarten, ob sich Henriette nicht doch durch Doktor Bruck bestimmen ließe, die Schwester zu begleiten. Bis jetzt hatte er noch keinen Versuch gemacht, wahrscheinlich weil er den Plan an der Reizbarkeit der Kranken nicht scheitern sehen mochte, und aufgeregt und gereizt war sie augenblicklich in hohem Grade. Er kam jeden Morgen um die bestimmte Stunde. Die Wohnzimmer der beiden Schwestern stießen aneinander, und die Thür stand stets offen. Käthe hörte dann seine beschwichtigende Stimme, sein sanftes Zureden; er konnte aber auch so herzlich auflachen, daß die Kranke unwillkürlich einstimmte. Für Käthes Ohr hatte dieses metallreiche, frohmütige und doch so angenehm beherrschte Lachen einen eigentümlichen Reiz — es zeugte so unwiderleglich von der unangetasteten Jugendfrische der Seele; es bewies ihr, daß er seiner Sache, seiner Zukunft gewiß war, daß er sich auch innerlich absolut nicht den tausend Widerwärtigkeiten und Kränkungen beugte, die auf ihn einstürmten.
Sie selbst sprach ihn nicht. Um diese Zeit meist an ihrem Arbeitstische sitzend, konnte sie ihn drüben auf und ab wandeln sehen, aber so unzertrennlich auch sonst die beiden Schwestern waren, kurz vor der Besuchsstunde des Arztes zog sich Henriette stets in ihr Zimmer zurück, und Käthe hütete sich, mit einem hinübergerufenen Worte oder auch nur einem verständnisvollen Blicke Teilnahme an dem Gespräche zu verraten, die von der Kranken offenbar nicht gewünscht wurde .... Die Tante Diakonus aber sprach sie sehr oft, und zwar in der Schloßmühle. Die alte Frau sah täglich nach Suse, seit sie so nahe wohnte; sie brachte ihr Suppen und eingemachte Früchte und saß stundenlang bei der Haushälterin, die sich durchaus nicht darein fand und sehr unglücklich war, daß es mit dem Spinnen, Stricken und Waschen »immer noch nicht gehen wollte«.
Das waren trauliche Dämmerstündchen in der Schloßmühlenstube. Die Tante erzählte aus ihrer Jugend, aus der Zeit, wo sie noch die »Frau Seelsorgerin« im Dorfe gewesen war; sie beschrieb den schweren, thränenreichen Moment, wo sie den Doktor als achtjährigen Knaben aus dem Elternhause weggeholt hatte, weil ihm Vater und Mutter in Zeit von wenigen Tagen gestorben waren, und mochte sie auch mit kleinen Erlebnissen aus ihrer sonnigen Mädchenzeit oder aus ihrem glücklichen Eheleben beginnen, stets und immer gipfelten ihre Schilderungen in dem Zusammensein mit dem Doktor, der so recht der Sonnenschein ihres Lebens geworden war, wie sie versicherte.
Beim Nachhausegehen begleitete Käthe die alte Frau den rauschenden Fluß entlang bis an die Brücke. Die kleine Hand der Tante lag dann auf dem Arme des jungen Mädchens, und sie wandelten dahin wie zusammengehörig, als müßten sie auch miteinander über die Brücke schreiten und hineingehen in »des Doktors Haus«, das so still und friedlich, so weltverloren und vom Dämmerlichte eingesponnen hinter dem Ufergebüsche lag. Die Abende waren noch sehr frisch, und von dem schwarzen, starrenden Walde her zogen dünne Nebelschleier und feuchteten Haar und Kleider — da schlüpft man gern unter das gastliche Dach, auf welchem der Schornstein raucht. Gewöhnlich brannte schon die grünverschleierte Lampe in der Eckstube; durch das eine unverhüllte Fenster fiel ihr Licht, breit und hell, schräg über die Brücke. Die heimkommende alte Frau konnte nicht fehlgehen, wenn es auch schon tief dunkelte. Dann ging sie hinein; der letzte Fensterladen wurde geschlossen, und dort in der behaglichen Ofenecke — Käthe konnte sie mit ihren scharfen Augen vollkommen übersehen —, wo der grüne, verblichene Fußteppich lag und hinter dem runden Tische ein hochlehniger, gepolsterter Armstuhl stand, arrangierte sie geräuschlos den Abendtisch und wartete strickend, bis der Doktor sein Pensum beendet hatte ...
Das hatte sie dem jungen Mädchen auf der Abendwanderung wiederholt geschildert, und gar so gern blieb sie dann einen Augenblick auf der Brücke stehen, überblickte ihr trautes Heim und deutete lächelnd nach dem Manne, der arbeitend seinen dunkellockigen Kopf über den Schreibtisch beugte. Aber er sprang dann gewöhnlich auf und öffnete das Fenster, denn der neu angeschaffte Kettenhund fuhr mit wütendem Gebell auf die Herankommenden los. »Bist du es, Tante?« rief der Doktor herüber. Bei diesen Lauten floh Käthe aus dem Bereiche des Lampenscheines. Mit einem flüchtigen »Gute Nacht!« stürmte sie die einsame Allee hinauf; sie kam sich vor wie ausgestoßen, und so mußte auch ihm später zu Mute sein — falls er Flora wirklich noch an seine Seite zu zwingen vermochte —, wenn er aus dem Hause am Flusse in die Stadtwohnung zurückkehrte und von seinem Weibe, der Seele des Hauses, mit kühlem Gruß am Schreibtische, oder geschmückt zu einer Abendgesellschaft, im flüchtigen Vorübergehen empfangen wurde. —