»Ein sehr empfindliches sogar, mein Schatz; es sagt mir eben, daß es ein unverantwortlicher Leichtsinn gewesen ist, mich selbst so hinzuwerfen. Du wirst bibelfest genug sein, um zu wissen, daß jeder dafür verantwortlich gemacht wird, wie er sein Pfund verwertet. Sieh mich an, kannst du dir wirklich denken, ich würde zeitlebens als simple Frau Doktorin am Herde stehen und Gemüse kochen? Und für wen?« Sie neigte den Kopf bezeichnend nach dem Salon, aus welchem jetzt lebhaftes Stimmengeräusch herüberscholl; mit dem Eintritte des alten Obersten von Giese war Leben und Bewegung in die Gesellschaft gekommen, nur Doktor Bruck saß allein am Theetische und las in einer Zeitung; er war scheinbar sehr vertieft und hatte kaum aufgesehen, als Henriette an seine Seite zurückgekehrt war.
»Siehst du, daß auch nur einer der Herren mit ihm verkehrt?« fragte Flora mit unterdrückter Stimme. »Er ist geächtet, und mit allem Recht. Er hat mich und die Welt betrogen; sein ihm vorausgegangener brillanter Ruf ist eitel Reklame gewesen.«
Sie brach ab und zog sich rasch in ihr Zimmer zurück, jedenfalls, um dem alten redseligen Obersten aus dem Wege zu gehen, der jetzt in Begleitung seiner Tochter und des Kommerzienrates in das Musikzimmer trat und sich Käthe vorstellen ließ. Auf seine Bitte setzte sich das junge Mädchen noch einmal an das Instrument und spielte. Wunderlich! Mit was für Augen ihr Schwager und Vormund nach ihr hinsah, sobald sie den Blick vom Notenblatte hob, so feurig, so unerklärlich, durchaus nicht so brüderlich vertraut, wie er ihr als Kind die Bonbonstüten und gestern noch ein schönes Boukett aus der Stadt mitgebracht hatte. Sie ließ ihm stets willig die Hand, wenn er sie im Gespräche erfaßte, und litt es, daß er ihr liebkosend die Locken aus der Stirn strich; er that das so harmlos, wie es ihr Vater einst gethan, und jetzt, als sie die Hände von den Tasten sinken ließ, trat er unter dem rauschenden Beifall der andern rasch auf sie zu und legte seinen Arm um ihre Schultern.
»Käthe, was ist aus dir geworden!« flüsterte er, sich über sie herabbeugend. »Wie erinnerst du mich an Klothilde, deine selige Schwester! Aber du bist schöner, ungleich begabter.«
Sie griff mit der Linken nach dem Arm, um ihn abzustreifen, aber Moritz erfaßte nun auch die Hand und hielt sie mit festem Drucke, als sei es fürs ganze Leben. Für die Anwesenden war das ein hübsches Bild, eine selbstverständliche, harmlose Gruppe. Der Vormund umarmte stolz und hingerissen seine Mündel, das ihm anvertraute Kind seines Schwiegervaters. Nur Henriettens bleiches Gesicht war sehr rot geworden; sie lächelte so eigentümlich. Doktor Bruck neben ihr sah nach seiner Uhr, dann reichte er Henriette verstohlen die Hand und benutzte die allgemeine Aufregung, um sich unbemerkt zu entfernen.