Sie streckte den Arm mit einer herrischen Gebärde gegen die Umstehenden aus, aber das große, starke Weib ergriff die feinbekleidete Hand, als sei sie zu einem freundschaftlichen Druck geboten, und schüttelte sie derb mit gutgespielter Treuherzigkeit; dabei lachte sie aus vollem Halse und die anderen stimmten johlend ein. »Fräulein, Sie kriegen ja Kourage wie ein Gendarm — wohl, weil dort drüben« — sie zeigte mit dem Daumen über die Schulter zurück — »ein Hund gebellt hat? Das ist dem Kreiser Sonnemann sein Dachsel; ich kenn' ihn an der Stimme, und der alte Sonnemann ist stocktaub und sein Dachsel geht nicht von ihm weg. Die gehen miteinander nach Oberndorf in die Schenke, wie jeden Nachmittag. Hierher kommen sie nicht — da seien Sie ganz ruhig! Und es geht Sie wirklich nichts an, Sie schönes Frauenzimmer Sie, daß die Spinnerei verkauft worden ist? Wer's glaubt! Man braucht Sie nur anzusehen, da weiß ein jeder gleich, wo Barthel Most holt. Sie und die alte Madame regieren und kommandieren, und der Kommerzienrat hat bloß zu gehorchen, und weil er nun reich genug ist, da sollen die gemeinen Leute, die ihm das Geld verdient haben, abgeschüttelt werden wie Ungeziefer. Na, ändern können wir's freilich nicht, aber bedanken wollen wir uns doch bei Ihnen, Fräulein.«
Sie rückte näher, und der funkelnde Blick aus ihren kleinen, schiefen Augen hatte etwas katzenartig Grausames.
Flora schlug entsetzt die Hände vor das Gesicht. »Gott im Himmel, sie wollen uns ermorden,« stöhnte sie tonlos mit bebenden Lippen.
Der ganze Chor lachte.
»Denken Sie nicht daran, Fräulein!« sagte die Frau. »So dumm sind wir nicht. Da geht's uns ja selbst« — sie strich sich bezeichnend mit der Hand unter dem Kinne weg — »an den Kragen; was haben wir davon? Nur einen kleinen Denkzettel sollen Sie haben.«
Flora griff plötzlich, wie in Folge einer plötzlichen Eingebung, in die Tasche ihres Kleides, öffnete ihr Portemonnaie und schüttete den ganzen Inhalt, Gold und Silber, auf die Erde. Sofort erweiterte sich der Kreis, und die Vordersten, meist Knaben, waren im Begriffe, sich über das Geld herzustürzen. »Untersteht euch!« schrie die Große und stellte sich mit ausgestreckten Armen zurückdrängend vor sie hin, daß sie wie eingekeilt standen. »Dazu ist's nachher auch noch Zeit! Nachher, Fräulein,« wandte sie sich bedachtsam und ironisch höflich an die schöne Dame, »erst den Denkzettel!«
»Hüten Sie sich, uns zu berühren!« sagte Käthe. Sie behielt vollkommen ihre Fassung, während beide Schwestern dem Umsinken nahe waren.
»Ach Sie! Was mischen Sie sich denn da hinein? — Vor was soll ich mich denn hüten? Ein paar Wochen brummen,« sie machte eine wegwerfende Bewegung, »das läßt man sich schon einmal gefallen, und mehr geben sie einem beim Gericht nicht für — na, für eine Ohrfeige oder ein paar Schrammen im Gesichte. Und die sollen Sie haben, Fräulein, so gewiß wie ich dastehe,« wandte sie sich mit erhöhter Stimme an Flora. »Ich will Ihre schneeweiße Haut malen, daß Sie zeitlebens an mich denken, Sie sollen ein Gesichtchen kriegen so schön gestreift wie ein Tigertier in der Menagerie.«
Blitzschnell hob sie die Hände, um mit den schmutzigen Nägeln Floras Gesicht zu zerkratzen; allein ebenso rasch griff Käthe zu. Mit einem einzigen Rucke packte sie die knochigen Fäuste und stieß das Weib zurück, daß der wuchtige Körper taumelnd eine Bresche in die Menschenmauer schlug. Und nun entstand ein unbeschreiblicher Tumult. Wie ein wütend gereizter Bienenschwarm stürzte sich die Menge auf das große, kraftvolle Mädchen, das leichenblaß, aber hochaufgerichtet dastand, die Schwestern mit ihrem Leibe deckend. Flora war zu Boden gesunken; sie umklammerte, halbtot vor Angst, den Kieferstamm und drückte das bedrohte Gesicht an seine Rinde. Das herabfallende weiße Hütchen wurde unter den Füßen der Angreifer zerstampft.
»Hilfe, Hilfe!« schrie Henriette mit übermenschlicher Anstrengung, während alle Hände nach Käthe griffen; schon hing die schwarze Seidenpelerine in Fetzen von ihren Schultern. Der Hut wurde ihr vom Kopfe gerissen und die Flechten fielen gelöst über den Rücken hinab; da kreischte der Junge, der abermals seine Hände auf Henriettens Mund gepreßt hatte, wild auf. »Herr Jesus, was ist denn mit der da?« schrie er und wühlte sich durch das Gemenge, um zu entfliehen.