Ein Blutstrom quoll über die Lippen der Kranken, die mit versagenden Blicken und tastenden Händen nach einer Stütze griff, aber alles wich scheu zurück. Blut! .... Im Nu zerstob die Menge nach allen Richtungen hin. Im Gebüsche rauschte und knackte es, wie wenn ein Rudel Wild durchbricht, dann war es still, als sei das wilde Heer, das sich eben noch so wütend gebärdet hatte, im Waldboden versunken. Und wenn auch da und dort der Kopf eines Jungen aus dem Gestrüpp lugte, um die Stelle, wo das Geld auf der Erde verstreut lag, nicht aus den Augen zu verlieren, so geschah das vorsichtig und vollkommen lautlos.
Käthe hatte die Schwester in den Armen aufgefangen und ließ sich mit ihr zu Boden gleiten. Sie lehnte sich mit dem Rücken an die Kiefer und bettete den Kopf der Kranken an ihrer Brust. In dieser Lage hörte das Blut allmählich auf zu strömen.
»Hole Hilfe!« sagte sie, ohne die weinenden Augen von dem totenähnlichen Gesichte der Kranken wegzuwenden, zu Flora, die in Angst und Ungeduld auf die Gruppe niedersah und ihre krampfhaft verschränkten Hände gegen den Busen drückte.
»Bist du wahnsinnig?« fuhr sie mit gedämpfter Stimme auf. »Soll ich der Meute geradeswegs in die Hände laufen? Allein rühre ich mich nicht von der Stelle. Wir müssen versuchen, Henriette fortzuschaffen.«
Käthe sagte kein Wort; sie sah, daß sie an diesen grenzenlosen Egoismus vergebens appellierte. Nach verschiedenen vorsichtigen Manipulationen, bei denen Flora behilflich war, stand sie endlich auf den Füßen und trug Henriette wie ein Kind auf dem Arme; der Kopf der noch immer Bewußtlosen ruhte auf ihrer Schulter. Sie glitt förmlich über den Boden und wich dem kleinsten Steine aus, um jede gefahrbringende Erschütterung zu vermeiden. Diese Bemühungen erschwerten ihr die Last bedeutend, aber stehen bleiben und nur einmal tief Atem schöpfen durfte sie nicht.
»Ruhe aus, so lange du Lust hast, wenn wir draußen im freien Felde sind — nur hier nicht, wenn du nicht willst, daß ich vor Angst sterben soll!« sagte Flora in gebieterischem Tone. Sie ging dicht an Käthes Seite, mit hochgehobenem Kopfe und ihrer gewohnten imposanten Haltung, aber unausgesetzt das verräterische Gebüsch am Wege scheu beobachtend, um bei dem geringsten verdächtigen Geräusche die Flucht zu ergreifen. — Wo war die »Soldatenkourage«, die Henriette heute ironisch betont hatte? Wo die stets so geflissentlich zur Schau getragene Konsequenz und Sicherheit, der schroff männliche Geist? Käthe sagte sich in dieser schweren Stunde ernster Erfahrung, daß da, wo bei der Frau das edel weibliche Denken, Empfinden und Streben aufhört, die — Komödie beginnt.