Endlich standen sie draußen auf dem weiten, sonnigen Felde. Käthe stützte sich für einen Augenblick auf einen hohen Grenzstein, den eine mächtige Eiche überwölbte, während Flora einige Schritte weiter hinaustrat, um den »entsetzlichen« Wald möglichst weit hinter sich zu haben. Die Gefahr war vorüber. Weit drüben auf dem Ackerlande arbeiteten Leute. Sie hätten nötigenfalls einen Hilferuf hören können; man sah die Türme der Stadt und dort lief der Weg nach dem Parkthore der Besitzung Baumgarten.

Aber Käthes Augen hingen an einem Punkte, den Flora nicht sah, an dem niedrigen Dache mit den hohen Schlöten und den vergoldeten Windfahnen, das so friedlich aus dem Walde von Obstbäumen auftauchte. Sie konnte deutlich das Staket erkennen, das den Garten umschloß; es lag weit näher als das Parkthor, und dahin lenkte sie nach kurzem Ausruhen schweigend ihre Schritte.

»Nun, wo hinaus?« rief Flora, die bereits auf dem Wege nach dem Parke schritt.

»Nach Doktor Brucks Haus,« versetzte das junge Mädchen, ruhig und unbeirrt weitergehend. »Es liegt am nächsten; dort finden wir vor allen Dingen ein Bett, auf das ich Henriette niederlegen kann, und möglicherweise auch sofortige Hilfe. Vielleicht ist der Doktor gerade zu Hause.«

Flora runzelte die Brauen und zögerte, aber sei es, daß sie das rachedürstende Weib mit den gekrümmten Fingern immer noch nahe auf ihren Fersen wähnte, oder daß sie fürchtete, zwischen dem Parkthor und dem Walde ohne Hut in ihrer derangierten Toilette Spaziergängern zu begegnen — sie kam schweigend herüber.

So ging es über das offene Feld hin. Für Käthe war die Aufgabe eine namenlos anstrengende. Der selten betretene Weg durch den weichen Ackerboden war voller Löcher und sehr steinig; bei jedem Fehltritte, den sie machte, fühlte sie aus Furcht vor einer Wiederkehr des schrecklichen Anfalls ihr Blut fast erstarren. Dabei brannte die Sonne, sengend wie im August, auf ihren unbedeckten Scheitel; von Zeit zu Zeit schwamm die Welt in einem unheimlich rotgelben Lichte vor ihren Augen, und dann glaubte sie vor Erschöpfung zusammenbrechen zu müssen, aber in solchen Momenten heftete sich ihr Blick um so fester auf des Doktors Haus; es rückte ja immer näher, das liebliche Bild des ländlichen Friedens und der erquickenden Ruhe. Sie sah nun schon vollkommen klar und deutlich, wie hinter dem Staket emsig hantiert wurde, und bei aller Angst und Ermüdung kam ihr doch ein leises Gefühl der Freude. Der Mann in Hemdärmeln nagelte dort aus Fichtenästen eine Laube zusammen, eine Laube für die Tante Diakonus. Die alte Frau konnte die weinbewachsene Hütte im kleinen Pfarrgarten nicht vergessen und hatte seitdem nie wieder so im Grünen sitzen dürfen — welche Freude nun für ihr genügsames Herz!

Und jetzt kam sie selbst die Thürstufen herab, im weißen Häubchen, die blauleinene Küchenschürze vorgebunden, und brachte auf einem Teller dem Arbeiter sein Vesperbrot. Sie sprach eifrig mit dem Mann; beiden fiel es nicht ein, über das Staket ins Feld hinaus zu sehen. Käthe überlegte eben, ob sie nicht doch um helfende Hände hinüberrufen sollte — in demselben Augenblicke kam auch der Doktor vom Hause her.

»Bruck!« rief Flora mit dem ganzen frischen Silberklange ihrer Stimme über das Feld hin.

Er blieb stehen und starrte einen Augenblick nach der seltsamen Gruppe, die sich auf ihn zu bewegte; dann stieß er die Thür im Stakete auf und stürmte herüber. »Mein Gott, was ist denn geschehen?« rief er schon von weitem.

»Ich bin einem tollen Mänadenschwarme in die Hände gefallen,« antwortete Flora bitter lächelnd, aber auch ganz wieder mit jener Geringschätzung und stolzen Nachlässigkeit, die sich durch nichts in der Welt aus der Fassung bringen lassen. »Das Gesindel hat mit seinen Drohungen Ernst gemacht; ich war in Lebensgefahr, und das arme Ding da« — sie zeigte auf Henriette — »hat vor Aufregung darüber einen Blutsturz bekommen.«