Er sah nur von der Seite zu ihr hinüber — sie stand ja heil und unversehrt da — und griff mit beiden Armen zu, um Käthe die Kranke abzunehmen. »Sie haben sich übermenschlich angestrengt,« sagte er, und seine Augen streiften besorgt ihre ganze Erscheinung. Man sah, wie ein nervöses Schütteln durch ihren Körper ging; sie biß krampfhaft mit den Zähnen die Unterlippe, und ihre Wangen glühten, als wollte das erhitzte Blut die zarte Samthaut zersprengen .... Und daneben stand Flora ruhig atmend, und auf ihrem schönen Gesicht lag nur die duftige, verklärende Röte der seelischen Erregung.

»Du hättest deiner Schwester die Last nicht allein überlassen sollen,« wandte er sich an seine Braut, indem er die bewußtlose Henriette behutsam weiter trug.

»Bruck, wie kannst du das von mir verlangen?« rief sie beleidigt. »Uebrigens bedurfte es dieser Zurechtweisung deinerseits durchaus nicht, mein Freund,« setzte sie sehr scharf hinzu; »ich kenne meine Pflicht und wäre sehr gern aus eigenem Antriebe bereit gewesen, Henriette zu tragen, hätte ich mir nicht selbst sagen müssen, daß das bei meinem schwachen Körperbau geradezu Wahnsinn sei, und wäre Käthe nicht eine solche urgesunde, robuste Walkürennatur, die eine derartige Anstrengung sicher nicht anficht.«

Er antwortete ihr mit keiner Silbe und rief der herbeieilenden Tante zu, rasch ein Bett herzurichten. Diese lief, so schnell sie konnte, in das Haus zurück, und als die Ankommenden die Flur betraten, da stand sie schon an der geöffneten Thür eines nach Westen gelegenen Zimmers und winkte stumm und mit bestürzter Miene, da einzutreten.

Es war ihre Fremdenstube, ein von glänzendem Tageslichte erfüllter, ziemlich großer Raum mit ausgetretenen Dielen, verschabten, einst rosa angestrichenen Wänden und einem Ofenungetüm von schwarzen Kacheln. Die neuen, mit Rosen bedruckten Kattunvorhänge an den zwei Fenstern waren vielleicht der Luxus, den sich die Tante Diakonus beim Umzuge gestattet hatte. Am Kopfende des Bettes stand ein uralter, mit chinesischen Figuren beklebter Bettschirm, und rings an den Wänden hingen schwarz eingerahmte, nicht besonders künstlerisch ausgeführte Szenen aus der lieblichen Idylle »Luise« von Voß. Eine köstlich reine, mit Lavendelduft gemischte Luft wehte die Eintretenden an.

Auf der jugendlichen Stirn des Doktors lag ernste Besorgnis. Es dauerte sehr lange, bis sich unter seinen Bemühungen Henriettens Augen zu einem umschleierten Blicke öffneten. Sie erkannte ihn sofort, aber ihre augenblickliche Schwäche war so groß, daß sie die Hand nicht von der Bettdecke zu heben vermochte, um sie ihm zu reichen. Er hatte den Gartenarbeiter in die Villa Baumgarten geschickt, um die Präsidentin von dem Vorgefallenen zu benachrichtigen — sie kam sogleich. Bis dahin war im Krankenzimmer kein Wort gefallen. Flora stand in dem einen Fenster und starrte in die Gegend hinaus, und in dem andern saß Käthe, die Hände in den Schoß gefaltet und den Blick auf das Bett geheftet, während die Tante geräuschlos ab und zu ging, um dem Doktor alles herbeizubringen, was er brauchte.

Die Präsidentin sah sehr verstört aus; sie erschrak sichtlich, als sie Henriettens Gesicht so wachsbleich auf dem Kissen liegen sah, und mochte wohl das Schlimmste befürchten, weil die Kranke bei ihrer sanften Anrede die Wimpern nicht hob. Henriette hatte die Augen in dem Moment wieder geschlossen, als ihre Großmutter auf die Schwelle getreten war.

»Sagt mir ums Himmels willen, wie das gekommen ist!« rief die alte Dame; ihre weiche, vornehm moderierte Stimme klang förmlich erschreckend laut in die bisher beobachtete Stille hinein.

Nun trat Flora aus dem Fenster und erzählte. Sie schilderte ergrimmt, mit drastischer Deutlichkeit die Szene im Walde; ihrer Darstellung nach hatte sie selbstverständlich keinen Augenblick den Mut und die Geistesgegenwart verloren, aber einer Schar von mindestens zwanzig Furien gegenüber brauche der stärkste Geist alle seine Kraft, um nicht vor Ekel und Abscheu zu erliegen, versicherte sie.

Die Präsidentin ging währenddem ganz außer sich auf und ab; sie bemerkte in ihrer Erregung nicht einmal, daß ihre Seidenschleppe auf dem faserigen Dielenboden jenes monoton schrille Geräusch machte, das für leidende Nerven zur Tortur werden kann. »Was sagt der Menschenfreund nun dazu?« fragte sie endlich stehen bleibend, und aus ihren halbzugesunkenen Augen zuckte es wie ein mörderischer Blick nach dem Doktor hin.