Er schwieg mit jener ruhigen Milde, die sein jugendlich schönes Gesicht so geistig überlegen erscheinen ließ. Henriettens Hand in der seinen haltend, schien er nur Augen für das schwach pulsierende Leben zu haben, das jeden Augenblick in das Nichts zerrinnen konnte.

Die alte Dame trat wieder an das Bett und bog sich mit zurückgehaltenem Atem über die Kranke.

»Herr Doktor,« sagte sie nach einem momentanen Zögern, »der Zustand scheint mir sehr bedenklich — wollen wir nicht doch endlich einmal meinen alten, erfahrenen Freund und Hausarzt, den Medizinalrat von Bär, zu einer Konsultation herbeiführen? — Sie dürfen mir das nicht verargen.«

»Nicht im geringsten, Frau Präsidentin,« sagte er, die aufzuckende Hand der Kranken auf die Bettdecke legend. »Es ist sogar meine Pflicht, alles zu thun, was zu Ihrer Beruhigung dienen kann.« Er erhob sich ruhig und verließ das Zimmer, um nach dem verlangten Arzte zu schicken.

»Mein Gott, was für einen Streich habt ihr gemacht, Henriette hierher zu bringen!« schalt die Präsidentin hastig, mit gedämpfter Stimme, sobald sich die Thür hinter dem Hinausgehenden geschlossen hatte.

»Daran ist Käthes Weisheit schuld,« versetzte Flora erbittert. »Ihr mache den Vorwurf, daß wir nun möglicherweise gezwungen sind, in dem verkommenen Neste hier wochenlang verkehren zu müssen.« Ihre Augen streiften zornig das schweigende Mädchen im Fenster.

»Und welche Indolenz, das arme Geschöpf so zu betten, daß sie bei jedem Augenaufschlag das schwarze Ungeheuer von Ofen vor sich hat! Dazu diese Fratzen an den Wänden — man könnte sich fürchten.« Die alte Tante wandte ihr bei diesen naiven Darstellungen den Rücken und untersuchte das Bett. »Das Lager scheint passabel zu sein; das Leinen wenigstens ist weiß und weich, aber ich werde doch Henriettens seidene Steppdecke herüberschicken; ebenso einen bequemen Fauteuil für den Medizinalrat, vor allen Dingen aber anderes Waschzeug. — Steingut!« sagte sie verächtlich und schob das saubere Geschirr auf dem Waschtische zusammen, um für das kommende gemalte und vergoldete Porzellan Platz zu machen. »Gott, wie erbärmlich leben solche Leute! Und das fühlen sie nicht einmal — Wünschest du etwas, mein Engel?« unterbrach sie sich mit sanfter Stimme und trat wieder an das Bett.

Henriette hatte langsam den Kopf aufgerichtet und einen sprühenden Blick um sich geworfen; jetzt lag sie schon wieder mit geschlossenen Augen da, aber ein Anschein von Kraft war insoweit zurückgekehrt, als sie die Hand der Großmama, die streichelnd ihre Rechte berührte, wegzuschieben vermochte.

»Eigensinnig, wie immer!« seufzte die Präsidentin, und setzte sich auf den Stuhl neben dem Bette.

Der Medizinalrat ließ nicht lange auf sich warten, aber er kam ganz konsterniert. Er konnte sich anfänglich durchaus nicht dreinfinden, seine alte Freundin im Hause am Flusse zu sehen, bis man ihm in flüchtigen Umrissen das Vorgefallene mitteilte. Er war ein hübscher alter Herr, spiegelblank vom Kopfe bis zur Zehe und von hochmütig zurückhaltenden Manieren. Er war Leibarzt des regierenden Fürsten, hatte für seine Verdienste den Adel, eine hübsche Anzahl Orden, Brillanten und goldene Schnupftabaksdosen erhalten, und draußen an der Brücke hielt seine prächtige Equipage.