»Fatal, sehr fatal!« sagte er, mit bedenklicher Miene an das Bett tretend. Er beobachtete die Kranke minutenlang, dann fing er an, die kranke Brust zu beklopfen. Er that das zwar vorsichtig, aber die Patientin stöhnte dennoch auf; die wiederholte Berührung verursachte ihr offenbar Schmerz.

Doktor Bruck stand schweigend mit untergeschlagenen Armen neben ihm. Er zuckte mit keiner Wimper; allein bei dem ersten Jammerlaute Henriettens zogen sich seine Brauen unwillig zusammen; in diesem vorgerückten Stadium der Krankheit war eine so anhaltende, gründliche Untersuchung vollkommen überflüssig. »Darf ich Ihnen meine Beobachtungen mitteilen, Herr Medizinalrat?« fragte er mit gelassener Stimme, aber nachdrücklich, um ein Ende zu machen.

Der alte Herr schielte seitwärts empor. Für den bittersten, gehaßtesten Feind gab es keinen giftigeren Blick, als der aus den tiefliegenden Augen des vornehmen Arztes schoß. »Erlauben Sie, daß ich mich persönlich überzeuge, Herr Kollege!« antwortete er kalt und setzte seine Untersuchungen fort. »So, nun stehe ich zu Ihrer Verfügung,« sagte er einige Augenblicke später. Er trat vom Bette zurück und folgte dem Doktor, der die Thür öffnete, in das Eck- und Arbeitszimmer.

Gleich darauf hob Henriette die Wimpern. Auf ihren Wangen lag das gefährliche Rot innerer Aufregung, und sie verlangte mit fast heftigen Gebärden und Worten nach ihrem Arzte, dem Doktor Bruck.

Die Präsidentin vermochte kaum ihren Aerger über »den bodenlosen Eigensinn« zu unterdrücken; allein sie ging ohne Widerrede, um den Wunsch der Kranken zu erfüllen. Sie kam auch durchaus nicht zu früh, wie sie gefürchtet. Der Herr Medizinalrat hatte jedenfalls von den Beobachtungen des jungen Arztes keinen Gebrauch zu machen gewußt, und noch weniger war er auf eine Beratung eingegangen — er setzte sich eben an den Arbeitstisch des Doktors, um ein Rezept zu verschreiben.

Doktor Bruck verließ das Zimmer, und die Präsidentin trat zu ihrem alten Freunde, um sein Urteil zu hören. Er war ziemlich spitz und verstimmt, sprach von total verfehlter Behandlung des Leidens und warf den Vorwurf hin, daß man immer erst in den gefährlichsten Momenten »vor die rechte Schmiede gehe«. Die Großmama habe längst Henriettens eigensinniges Köpfchen brechen und den alten Hausarzt, der sie doch in ihrer Kindheit behandelt, zu Rate ziehen müssen. In solchen Fällen sei eine Rücksicht wie die auf Floras Bräutigam genommene geradezu gewissenlos. »Vor allen Dingen müssen wir jetzt sehen, daß wir das arme Kind so schnell wie möglich in sein eigenes, bequemes und elegantes Schlafzimmerchen bringen, meine Gnädigste,« setzte er hinzu. »Sie wird sich in ihrer gewohnten Umgebung wohler fühlen; auch bin ich dann sicher, daß meine Anordnungen strikte befolgt werden, was hier voraussichtlich nicht der Fall sein würde.«

Er tauchte die Feder ein — da fiel sein Blick auf ein geöffnetes, elegantes Kästchen, das mitten unter den Büchern und Schreibmateralien stand; es mochte kaum erst ausgepackt worden sein, denn die Emballage lag noch daneben.

Die Frau Präsidentin hatte das blühende Gesicht ihres »bewährten Freundes« noch nie so lang, noch nie so unbeschreiblich, bis zur Geistlosigkeit verdutzt gesehen, wie in diesem Augenblicke, wo ihm die Feder aus der Hand fiel.

»Mein Gott, das ist ja der herzoglich D.sche Hausorden,« sagte er und tippte mit scheuem Finger an das Kästchen. »Wie kommt denn der in dieses Haus, an diese obskure Adresse?«