Flora sah ihr mit grenzenlosem Erstaunen, weit offenen Auges in das Gesicht. Die ganze Bibel durchlesen, um der Ueberzeugung willen! Wie entsetzlich trocken und uninteressant! Dazu fehlte ihr, der Poesiereichen, die Geduld. Daß sie sich selbst mit Vorliebe der Welt gegenüber als den ernst grübelnden, forschenden Geist aufspielte, vergaß sie vollständig in diesem Momente, wo sie sich über die unvermutete geistige Beschäftigung »der strümpfestopfenden, unermüdlich backenden und scheuernden Frau« gründlich ärgerte. Wie kam denn die dazu, die Pfarrerswitwe, sich auch um die Welthändel zu kümmern? Ah, nun wußte man auch, wer den Doktor verdarb, wer ihm das lächerliche Ideal aufstellte, nach welchem die Frau Köchin und »geistige Gehilfin« zugleich sein konnte.
Käthe war längst hinzugetreten und hatte der Tante das Präsentierbrett abgenommen. Mit klugem Blicke verfolgte sie die steigende Bewegung in den schönen Zügen der Schwester — sie wußte, daß sie sich zu irgend einer rücksichtslosen Aeußerung hinreißen lassen würde; deshalb bot sie ihr schleunigst den Thee an.
Flora pflückte ungeduldig mit ihren zarten Fingerspitzen an dem Taschentuche auf ihrem Schoße und dankte sichtlich verstimmt, »weil sie noch zu sehr alteriert sei, um etwas über die Lippen bringen zu können«, wenige Minuten darauf aber sah das junge Mädchen, wie sie eine Bonbonniere aus der Tasche zog und sich mit Eisbonbons erquickte; sie vermied es geflissentlich, in diesem Hause etwas anzunehmen. Sie wollte absolut keine Gemeinschaft mehr mit ihm. Käthe erkannte sehr wohl, daß die treulose Braut mit dem Eintritte in das Haus, in die einfach bürgerliche Fremdenstube, den letzten Rest von Selbstbeherrschung und erkünstelter Ruhe verloren hatte; sie las in den großen, graublauen, vor verzehrender Ungeduld funkelnden Augen, daß sie dem Momente nahe gekommen sei, wo sie »endlich das Joch abschütteln wolle, abschütteln um jeden Preis«. Durch die Seele der jungen Schwester zog es wie ein inbrünstiges, angstvolles Gebet, daß nur hier, im eigenen Heim des unglücklichen Mannes, die furchtbare Entscheidung nicht erfolgen möge. Zum Glück bemerkte die alte Frau Floras häßliches Gebaren nicht; sie trug, ahnungslos, daß über ihrem hellen friedlichen Stillleben eine schwarze, unglückbringende Wolke hing, das Geschirr wieder hinaus, nachdem Käthe eine Tasse Thee dankbar angenommen hatte.
Das glühende Abendlicht verblaßte allmählich. Alle Purpurfarbe zog sich aus dem Krankenzimmer zurück und blieb zuletzt nur noch auf der schönen Dame im Fenster liegen — wie ein von dämonischem Feuer umzüngelter böser Engel saß Flora dort.
Die Kranke wurde unruhiger. Sie zupfte und zerrte an der grünseidenen Bettdecke und war sichtlich bemüht, sie fortzuwerfen. »Im Grün ist Arsenik — fort damit!« flüsterte sie mit der ganzen unheimlichen Hast und Angst des Fiebers vor sich hin.
Käthe vertauschte sogleich die seidene Decke mit der kühlen, weißleinenen des Gastbettes und glättete sie über dem armen hageren Körper, den sie heute im Walde »den Zwerg« genannt hatten. In den wunderschönen Augen der Kranken lag in diesem Augenblicke keine Spur von Verständnis. Sie rollten wild und wirr unter den halb zugesunkenen Lidern.
»Das thut gut,« sagte sie, sich unter der Decke streckend. »Und nun lasset sie nicht wieder herein, wenn sie mich mit der vergifteten, heißen Seide ersticken will! Die Großmama ist falsch, wie alle, die sich im Salon anlügen — sie und der alte Giftmischer, die große Autorität. Ich werde nach ihm schlagen, wenn er seine abscheulichen Finger auf meine Brust drückt,« zischte sie erbittert durch die Zähne. Sie setzte sich plötzlich auf und ergriff Käthes Hand. »Nimm dich vor ihm in acht, Bruck!« warnte sie mit aufgehobenem Finger, »und vor der Großmama auch! Und sie — du weißt schon, wen ich meine; sie raucht Cigarren und fährt wie toll mit den neuen wilden Pferden, weil du es verboten hast — sie ist die Falscheste von allen.«
»Sehr verbunden!« flüsterte Flora halblaut mit einem bösen Lächeln und schmiegte sich noch enger in den Polsterlehnen zusammen.
Eine unbeschreibliche Bangigkeit überschlich Käthe, deren Hand mit so innigem Drucke festgehalten wurde. Sie vermied es, den Doktor anzusehen, für den die Fiebernde sie hielt, und welcher, von dem chinesischen Schirme halb verdeckt, am Kopfende des Bettes stand.
»Weißt du noch, wie es früher war, Doktor?« fuhr Henriette fort. »Weißt du noch, wie sie die Lakaien durch Wind und Wetter jagte, dir nach, mit Briefen, vier, fünf an einem Tage? — Weißt du noch, wie sie, fast toll vor Sehnsucht, dir entgegenlief, wenn du nicht zur versprochenen Minute gekommen warst? Und wie sie dann draußen die Arme um deinen Hals schlang, wild und stark, als wollte sie dich nie wieder lassen?«