13.

In der Flur, deren Fenster nach Norden gingen, herrschte schon leichte Dämmerung; nur von der Küche her, in welcher noch der letzte rötliche Abendschein an den Wänden hinspielte, fiel es hell über den roten Ziegelfußboden.

Die Tante Diakonus stand drinnen am Fenster und wusch das gebrauchte Theegeschirr. Die zurückberufene Köchin sollte erst morgen eintreffen; sie war krank geworden — deshalb lagen die kleinen Hausgeschäfte noch auf den Schultern der alten Frau. Sie nickte Käthe vertraulich mit freundlichem Lächeln zu; nicht die leiseste Ahnung von dem, was sich dort hinter der breiten Flügelthür zutrug, beunruhigte das still friedliche, sanfte Frauengemüt. Das junge Mädchen schauerte in sich zusammen und eilte vorüber, hinaus in den Garten.

Es war sehr kühl geworden. Ein starker Zugwind blies scharf und kältend vom Flusse her über ihr Gesicht und die nur von dem Seidenkleide bedeckten Schultern. Mit tiefatmender Brust stürmte sie ihm entgegen. Sie war ein Mädchen mit starkem Empfinden, mit heißem, kräftig kreisendem Jugendblute in den Adern; die Flammen der inneren Empörung brannten auch auf ihren Wangen, in den trockenheißen Augen und züngelten bis in die nervös klopfenden Fingerspitzen.

Sie hatte eben Schreckliches erlebt — welch ein entsetzliches Ringen zwischen zwei Menschenseelen! Und die Schuldige, die es heraufbeschworen, war ihre Schwester — dieser treulose, frivole Frauencharakter, der spielend das ernste Band zwischen Mann und Weib knüpfte, um es bei dem ersten Mißfallen, wie das Gespinst haltloser Sommerfäden, zu zerreißen und in alle Lüfte hinausflattern zu lassen! Wohl hatte Flora sich diesmal in ihrem Opfer gründlich verrechnet, sie traf auf Stahl, wo sie ein durch die Verurteilung des Publikums und ihr eigenes systematisch durchgeführtes, allmähliches Erkalten bereits tiefdemütiges Herz leichten Spieles niederzutreten meinte, aber was halfen ihm die Festigkeit und Energie, mit denen er ihr die Stirn bot? Er war doch der Unterliegende ...

Käthe trat auf die Brücke, und die Hände auf das leicht erzitternde schwanke Holzgeländer stützend, sah sie hinab. Die Wasser stürzten und rauschten unter ihren Füßen hin; mit jedem Steinblock, der seinen Platz im Flußbette behauptete, mit jeder starken Baumwurzel, die sich aus der Ufererde zwängte, rangen und stritten sie, daß der Gischt hoch aufspritzte, und doch schwebte dort, fern, die bleiche Mondsichel inmitten der spiegelnden Flut, und es war, als stehe sie unverrückbar still für alle Zeiten. Stand so die Liebe im Menschenherzen? Umstürmten sie vergebens die wildesten Kämpfe, und erblich sie nicht, wo sie verachten mußte, wo ihr Ideal in Trümmer ging? Nein, sie hatte das eben mitangesehen.

Wunderbare Leidenschaft! Schon einmal hatte sie unter dem Dache dort eine Menschenseele durch alle Stadien des Jammers, der Verzweiflung gehetzt. Wie die Tante dem jungen Mädchen neulich auf dem Heimgange erzählte, hatte in dem Hause am Flusse die schöne, junge Witwe eines Herrn von Baumgarten gelebt. Der Nachfolger ihres Gemahls, der Sproß einer Seitenlinie und ein wunderschöner Kavalier, war täglich vom alten Herrenhause herübergekommen, um in das liebliche Frauenantlitz zu sehen, das sich, von Witwenschleier und Schnepphaube umrahmt, aus dem Fenster bog. In das Haus durfte er nicht, denn sie war sehr sittsam. Er war auch sehr hoch auf seinem schwarzen Roß über die schmale Holzbrücke geritten und hatte das schnaubende, ungebärdige Tier dicht an die Hauswand gedrängt, um den Atem des schönen Frauenmundes zu spüren und ihre weiße Hand mit heißer Inbrunst zu küssen, und die das mitangesehen, hatten geschworen, daß er nach Ablauf der Trauerzeit die junge Witwe wiederum als Herrin in das Schloß Baumgarten zurückführen werde.